Warum mein Marokko-Besuch noch nicht abgeschlossen ist
Zwei Nächte reichen nicht, um eine Stadt zu verstehen. Aber manchmal reichen sie, um zu merken, dass man mit einem Ort noch nicht fertig ist.
So ging es mir mit Casablanca.
Nach meinem Aufenthalt auf Teneriffa wollte ich noch ein weiteres Land besuchen. Es war mein erster Gabelflug, und mir gefiel die Idee, nicht einfach auf demselben Weg zurück nach Berlin zu fliegen. Für Marokko entschied ich mich, weil ich aus meinem beruflichen Umfeld den Eindruck gewonnen hatte, dass das Land für europäische Reisende vergleichsweise zugänglich sein könnte.
Statt Marrakesch oder Fès wählte ich Casablanca. Ich wollte ans Meer und hatte gleichzeitig die vielleicht vorschnelle Sorge, dass die bekannteren Städte sehr stark auf Tourismus ausgerichtet sein könnten. Casablanca stellte ich mir alltäglicher vor: weniger wie eine Kulisse und mehr wie eine Stadt, in der Menschen vor allem leben und arbeiten.
Es sollte kein großer Selbstfindungstrip werden. Keine Mutprobe. Kein demonstratives „Raus aus der Komfortzone“, ich wollte nur zwei Nächte bleiben und spüren, wie sich Casablanca für mich anfühlt.
Heute, ein paar Wochen später, schaue ich wieder nach Hotels in Casablanca.
Das überrascht mich selbst ein bisschen. Denn während ich dort war, hab ich mich teilweise etwas eingeengt gefühlt. Am letzten Tag konnte ich es kaum erwarten, wieder nach Hause zu kommen. Und trotzdem ist da diese Neugier geblieben. Vielleicht sogar stärker als vorher.
Casablanca als Vibe-Check
Ich reise oft nicht mit dem Anspruch, einen Ort beim ersten Besuch vollständig kennenzulernen.
Meine erste Reise nach Teneriffa dauerte ebenfalls nur drei Nächte. Damals wollte ich herausfinden, ob mir die Insel grundsätzlich gefällt und ob ich mir vorstellen kann, wiederzukommen. Genau so war auch Casablanca gedacht: als Vibe-Check.
Wie fühlt sich die Stadt für mich an? Komme ich zurecht? Fühle ich mich sicher? Bleibt genug Neugier für eine zweite Reise?
Die Antwort war am Ende nicht eindeutig. Casablanca war für mich kein sofortiges Wohlfühl-Ja, aber es war auch kein Nein.
Eher ein: Beim nächsten Mal würde ich es anders machen.
Und vielleicht ist genau das schon eine wertvolle Antwort.
Warum ich mir den Einstieg leicht machen wollte
Auf Teneriffa hatte ich gerade erst erlebt, wie anstrengend zwei Stunden in öffentlichen Verkehrsmitteln mit einem 20-Kilo-Koffer sein können. Für Casablanca kam hinzu, dass ich weder Arabisch noch Französisch spreche und nicht wusste, wie schnell ich mich direkt nach der Ankunft orientieren würde.
Meine größte Sorge war allerdings mein Rückflug. Er sollte um 1:30 Uhr morgens starten, und ich wollte nicht erst vor Ort herausfinden müssen, ob und wie ich am späten Abend zum Flughafen komme.
Normalerweise versuche ich, Fahrkarten und Verbindungen schon vor einer Reise online zu organisieren. Für Casablanca fand ich aber keine Lösung, bei der ich mich ausreichend vorbereitet fühlte. Also buchte ich über eine App die Hin- und Rückfahrt. Beide Strecken kosteten zusammen 73€.
Das war nicht die günstigste Möglichkeit. Für mich war es aber eine Investition in Ruhe, Verlässlichkeit und weniger organisatorischen Stress.
Dass ich die EU verlassen hatte, bemerkte ich auf der Fahrt zum Hotel übrigens an einem erstaunlich kleinen Detail: Der Deckel meiner Wasserflasche ließ sich wieder vollständig abschrauben. Nach den fest verbundenen Flaschendeckeln auf Teneriffa fühlte sich das fast nostalgisch an.
Meine erste Einführung in Casablanca
Mein Fahrer Mustapha kontaktierte mich bereits am Morgen via WhatsApp, als ich noch auf Teneriffa war, um mir zu sagen, wo wir uns treffen würden.
Ich wollte ihm unbedingt Trinkgeld geben, weil Eid war und ich sehr dankbar war, dass er trotzdem arbeitet und mir mein Leben leichter machte.
Eine meiner ersten Fragen an ihn war also, ob er mir empfehlen würde, direkt am Flughafen Geld zu wechseln oder lieber später im Hotel. Er riet mir zum Flughafen.
In Marokko angekommen benachrichtigte ich ihn, als ich meinen Koffer und das gewechselte Geld hatte und fand auch schnell den Treffpunkt.
Dort standen bereits andere Taxifahrer. Einer versuchten, mich zu überzeugen, bei ihm mitzufahren. „Nur 5 Minuten!“ – ohne zu wissen, wohin ich wollte. Als ich ihm aber sagte, dass ich bereits gebucht und bezahlt hatte, akzeptierte er das.
Bei Mustapha eingestiegen, bekam ich von ihm eine Wasserflasche. Das war der erste Moment, in dem ich realisierte, dass ich nicht mehr in der EU war.
Der Deckel ging ab!

Mustapha merkte schnell, dass ich zum ersten Mal in Marokko war.
Während der etwa 45-minütigen Fahrt erzählte er mir viel über Casablanca. Er beschrieb die Stadt als wirtschaftliches Zentrum Marokkos und erklärte, dass viele Menschen dort arbeiten und an Wochenenden oder Feiertagen zu ihren Familien zurückfahren.
Ich kam an einem Freitag während Eid an. Mein erster Eindruck entstand also nicht an einem gewöhnlichen Arbeitstag.
Mustapha erzählte außerdem von verschiedenen Vierteln, ihrer Geschichte und den Menschen, die dort lebten. Wir fuhren durch Californie, einer der luxuriösesten Stadtteile von Casablanca. Der Stadtteil Anfa, in dem mein Hotel lag, gehört ebenfalls zu den wohlhabenderen. Er ist benannt nach dem Namen, den Casablanca trug, bevor die Spanier kamen.
Aber vor allem versuchte Mustapha, mir meine Unsicherheit zu nehmen. Es gäbe an vielen Orten Wachpersonal, das ich jederzeit ansprechen könne. Als Touristin müsse ich mir nicht ständig Sorgen machen.
Dann sagte er einen Satz, der mir im Gedächtnis geblieben ist:
Sobald jemand marokkanischen Boden betritt, steht diese Person unter dem Schutz des Königs.
Ob das wörtlich, rechtlich oder eher als Ausdruck marokkanischer Gastfreundschaft gemeint war, konnte ich nicht beurteilen. Ich empfand es aber als eine schöne Geste.
Genau solche Gespräche sind einer der Gründe, warum ich gerne allein reise. Menschen fragen nach meinem Leben, erzählen von ihrem Alltag oder erklären mir Dinge, die in einer größeren Reisegruppe vermutlich nie zur Sprache gekommen wären.
Ich glaube nicht, dass Mustapha in derselben Offenheit mit mir gesprochen hätte, wenn ich mit einer Freundin oder einem Partner im Auto gesessen hätte.
Alleinreisen bringt mir einen Ort nicht automatisch näher, aber manchmal macht es mich zugänglicher für die Menschen, die dort leben.
Das Hotel am Meer
Mein Hotel, das Pestana, hatte ich unter anderem wegen der Nähe zum Meer gewählt. Und diese Lage war wirklich schön.
Auf den Fotos hatte ich mich gefragt, wie in dieses scheinbar kleine Gebäude überhaupt so viele Hotelzimmer passen konnten. Vor Ort verstand ich das Prinzip: Die Lobby lag auf Straßenebene, die gleichzeitig der vierten Etage entsprach. Zu den Zimmern fuhr man mehrere Etagen nach unten.
Mein Zimmer lag ganz unten, direkt auf Höhe von Pool und Strand.
Beim Öffnen der Tür dachte ich zunächst: Das ist kein Hotelzimmer, das ist eine Wohnung!
Ich hatte eine große offene Küche und ein großes Wohnzimmer, ein großes Schlafzimmer und ein riesiges Bad. In die Dusche hätten 10 Leute ohne Schwierigkeiten rein gepasst! Ich fühlte mich dort eher wie zu Hause als in einem klassischen Hotelzimmer.
Auf den ersten Blick war das absoluter Luxus.
Direkt neben dem Hotel lag die Anfa Mall. Im dortigen Carrefour konnte ich mich unkompliziert mit Essen, Getränken und Wasser versorgen. Dass es dieselbe Supermarktkette auch auf Teneriffa gab, fühlte sich für einen Moment wie eine kleine Verbindung zwischen beiden Reiseabschnitten an.
Beim Wasser improvisierte ich ein bisschen. Vor der Reise hatte ich gelesen, dass Reisenden in Marokko zu abgefülltem Wasser geraten wird, teilweise auch zum Zähneputzen.
Weil ich die Angaben auf den Flaschen nicht lesen konnte, orientierte ich mich teilweise an Motiven mit Babys. Ich vermutete, dass dieses Wasser für die Zubereitung von Babynahrung geeignet sein könnten.
Ob das tatsächlich so war, weiß ich nicht. Das war eher meine persönliche Einkaufslogik als ein verlässliches Merkmal. Während meines kurzen Aufenthalts hatte ich keinerlei Probleme mit meinem Magen.
Am ersten Morgen besorgte ich mir ein einfaches Frühstück und setzte mich an der Strandpromenade auf eine Bank vor meinem Hotel.


Das Pestana war für mich gleichzeitig beeindruckend und nicht ganz stimmig. Das Zimmer war riesig und die Lage am Meer besonders, aber bei Hygiene, Ausstattung und Instandhaltung fehlte mir an mehreren Stellen die Sorgfalt, die ich bei diesem ersten luxuriösen Eindruck erwartet hatte.
Es war viel Luxus in Quadratmetern, aber weniger Liebe im Detail.
Noch wichtiger für meinen Gesamteindruck war aber die Lage. Das Hotel lag wunderschön am Meer, für meine kurze Reise aber etwas außerhalb. Viele Wege wurden dadurch länger, und genau diese zusätzlichen Wege kosteten mich Energie, die ich an anderer Stelle gut hätte gebrauchen können.
Wenn ich noch einmal nach Casablanca reise, würde ich mir vermutlich mehr Zeit nehmen und eine zentralere Unterkunft suchen.
Nicht, weil ich die Lage am Meer bereue. Sondern weil ich gemerkt habe, dass zwei Nächte wenig Spielraum lassen, wenn jeder Weg zusätzlich Kraft kostet.
Sicherer als erwartet – und trotzdem innerlich angespannt
Meine Annahme, dass Casablanca für mich als europäische Reisende grundsätzlich zugänglich sein könnte, bestätigte sich.
Ich fühlte mich sicher. Vieles ließ sich auf Englisch klären, besonders mit Shuttle- und Taxifahrern, im Hotel und in Cafés. Die Menschen, mit denen ich zu tun hatte, erlebte ich überwiegend als zurückhaltend. In Restaurants und Cafés war der Kontakt freundlich, aber geschäftlich.
Ich war allerdings weder auf einem Markt noch in einem Basar unterwegs. Mein Eindruck bezieht sich daher nur auf die Gegenden, Cafés, das Hotel und die Wege, die ich tatsächlich erlebt habe.
Meine Unsicherheit hatte weniger mit einer konkreten Gefahr zu tun. Mich beschäftigte eher die Frage, ob ich mich aus Unwissen unangemessen verhalten könnte.
Obwohl ich sonst nicht besonders zurückhaltend auftrete, beobachtete und kontrollierte ich mich in Casablanca anfangs stärker als ich es sonst tu. Ich trug weite Kleidung, war nicht geschminkt und hatte meine Haare streng zurückgebunden.
Tatsächlich beachtete mich kaum jemand.
Als ich später ein Taxi zurück zum Hotel nahm, schaute der Fahrer kurz irritiert, als ich ihn auf Englisch ansprach. Er sagte, er hätte angenommen, ich sei Marokkanerin.
Auch das Straßenbild war vielfältiger, als ich es erwartet hatte. Viele Frauen trugen kein Kopftuch. Einige waren körperbetont oder sogar bauchfrei gekleidet.
Am Hotelpool sah ich Frauen mit sehr unterschiedlicher Kleidung, darunter auch stark verschleierte Frauen. Das verstärkte meinen Eindruck, dass weder das Hotel noch Casablanca insgesamt hauptsächlich auf europäische Tourist:innen ausgerichtet waren.
Gleichzeitig ließ ich mein großes Beintattoo lieber bedeckt. Nicht, weil jemand etwas dagegen gesagt hätte, sondern weil ich nicht einschätzen konnte, wie die Motive in einer religiöser geprägten Umgebung gelesen würden. Ich wollte damit nicht negativ auffallen.
Rückblickend erzählte diese Vorsicht mehr über das, was ich innerlich mitgebracht hatte, als über das, was mir in Casablanca tatsächlich begegnete.
Am letzten Abend war ich bereits entspannter. Ich machte mich etwas schicker und trug einen langen blau-weißen Zweiteiler mit einem offenen Mantel darüber. Das Outfit war weiterhin bedeckt, fühlte sich aber deutlich mehr nach mir an als meine zurückhaltende graue Kleidung vom ersten Tag.
Immerhin wollte ich einen krönenden Abschluss meiner Reise!
Der Weg zur Moschee wurde zum eigentlichen Erlebnis
Mein größter Wunsch für Casablanca war die Hassan-II.-Moschee.
Da mir der öffentliche Nahverkehr noch nicht vertraut war, beschloss ich, zu Fuß hinzugehen. Die Strecke dauerte ungefähr eine Stunde. Körperlich ist das für mich normalerweise kein Problem.
Was ich unterschätzte, war nicht die Entfernung – Es war die Menge der Eindrücke!
Abseits der Promenade begegneten mir viele Katzen, mehrspurige Straßen und Überquerungen, die für mich in einen Adrenalinkick ausarteten. Ich erlebte ein oder zwei Beinahe-Unfälle zwischen Autos, begleitet von Geschrei und lautem Hupen.
Gleichzeitig sah ich traumhafte Blumen, wunderschöne Dekorationen an Gebäuden und sehr freundliche Polizisten und Sicherheitskräfte.

Es war nicht nur hektisch oder schön. Es war alles gleichzeitig.
Auch die Gerüche gehörten dazu. In der Nähe des Meeres lag für mich zunächst ein schwerer Geruch nach abgestandenem Salzwasser in der Luft. Nach einigen Stunden nahm ich ihn kaum noch wahr. In manchen weniger belebten Gassen roch es dagegen unangenehm nach Urin oder Müll. Das passte nicht zu dem schicken Hotel und der herausgeputzten Küstenlage, war aber Teil desselben Stadtbildes.
Casablanca wirkte auf mich nicht glatt. Eher widersprüchlich.
Luxus und Alltag. Meerblick und Verkehr. Schöne Fassadendetails und laute Straßen. Futter- und Wasserschalen für Katzen zwischen Pflanzen – und trotzdem auch der Anblick eines sehr kranken Kätzchens kurz vor meiner Abreise, der mir noch lange im Kopf bleiben wird.
Ich habe selbst zwei Katzen. Maja, die ich mit mehreren Brüchen vor meiner ehemaligen Wohnung gefunden habe und Otis, ein kleiner Straßenkater aus Griechenland. Gerade deshalb beruhigte es mich, dass ich mehrfach sah, wie Menschen vor Ort Wasser und Futter bereitgestellt hatten. Gleichzeitig musste ich akzeptieren, dass ich nicht jedes Tier retten kann, das mir auf einer Reise begegnet.
Als ich schließlich an der Moschee ankam, war ich von all diesen Eindrücken bereits erschöpft und musste mich erst einmal setzen.

Ich wusste vorher, dass ich die Moschee nicht ohne Führung besichtigen konnte. Womit ich nicht gerechnet hatte: Ich konnte auch den Außenbereich nicht einfach frei betreten.
Im Empfangsbereich sah ich mir die ausgestellten Fliesen an. Während ich dort saß, kam ein Paar herein und wurde an der Kasse abgewiesen, denn die Dame war schulterfrei und mit offenen Haaren gekommen.
Ich war völlig verschwitzt und hatte für eine Führung keine Aufmerksamkeit mehr übrig. Also entschied ich mich gegen den Besuch.
Früher hätte ich mich wahrscheinlich gezwungen, trotzdem hineinzugehen. Schließlich war ich den ganzen Weg gelaufen und die Moschee war mein wichtigstes Ziel gewesen.
Diesmal akzeptierte ich, dass der Weg dorthin bereits genug gewesen war.
Ich hatte die Moschee nicht verpasst. Ich hatte sie nur auf später verschoben.
Und genau deshalb ist Casablanca für mich nicht abgeschlossen. Beim nächsten Mal würde ich die Hassan-II.-Moschee nicht spontan nach einem langen Fußweg besuchen wollen, sondern die Führung bewusst einplanen – mit mehr Zeit, mehr Energie und vielleicht einer Unterkunft, von der aus die Wege leichter sind.
Zwischen „Marokko-Magen“ und einem Crêpe mit „Mitesserin“
Vor der Reise hatte ich einiges über den sogenannten „Marokko-Magen“ gelesen und darüber, dass ungewohntes Essen den Magen reizen könne.
Mein eigentliches Problem war dann eher, überhaupt das marokkanische Essen zu finden, das ich mir gewünscht hatte.
Ich hatte mich auf Couscous und Tajine gefreut, die ich klar mit Marokko verband. Auf der Rückreise erklärte mir Mustapha, dass Couscous vor allem freitags nach dem Gebet gegessen werde.
In den Restaurants, die ich sah, war die Küche stark französisch geprägt. Es gab viele Meeresfrüchte, Wachteleier und Gerichte, die ich eher in Frankreich verortete.
An meinem letzten Tag landete ich schließlich bei Patatas Bravas und einem Crêpe mit warmem Honig.
Den Crêpe teilte ich mit einer Biene, die ziemlich überzeugt von ihrem Anspruch auf den Honig war. Immerhin war sie vermutlich näher an dessen Herstellung beteiligt gewesen als ich.
Als ich Mustapha erzählte, dass ich wirklich gerne marokkanischen Couscous gegessen hätte, lud er mich für meinen nächsten Besuch zu seiner Familie ein.
Vielleicht liegt darin die schönste Form einer offenen Reiseerfahrung: Ich bekam nicht das geplante Gericht, aber dafür eine Einladung zum Wiederkommen.
Ein Gespräch über Wohnen und ein altes Buch, das wieder relevant ist
Auf der Rückfahrt fragte Mustapha mich, ob ich mir vorstellen könnte, in Marokko zu leben.
Daraus entstand ein Gespräch darüber, wie selbstständig Frauen dort wohnen können und welche Hürden ihnen im Alltag begegnen können.
Die Unterhaltung erinnerte mich an Leyla Abouzeids Roman „Eine Verstoßene geht ihren Weg“, den ich bereits auf meinem Blog besprochen habe. Nach ihrer Scheidung bleibt der Protagonistin ein Zimmer im Haus ihrer eigenen Vorfahren. Dieser Raum ist nicht nur eine Unterkunft, er gibt ihr überhaupt erst die Möglichkeit, ihr Leben neu zu ordnen.
Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir die Warnung ihrer Großmutter, eine Frau habe nichts außer ihrem Grundbesitz und ihrem Ehemann – und dem Ehemann könne sie nicht trauen.
Das Buch erschien in Marokko bereits 1983. Natürlich beschreibt ein Roman aus dieser Zeit nicht automatisch das heutige Leben von Frauen dort. Seitdem haben sich Gesetze und Möglichkeiten verändert.
Gleichzeitig sind solche Strukturen auch aus deutscher Perspektive nicht so weit entfernt, wie man vielleicht gern glauben würde.
Meine Mutter heiratete 1976 ihren damaligen Mann auch deshalb, weil sie 1975 das Aufgebot dem Vermieter vorlegen mussten, um gemeinsam eine Wohnung zu bekommen. An ein unverheiratetes Paar hätte der Vermieter die Wohnung nicht abgegeben.
Diese Familiengeschichte machte mir noch einmal bewusst, wie langsam gesellschaftliche Veränderungen tatsächlich in den Alltag einsickern. Rechtliche Gleichstellung und gelebte Selbstverständlichkeit sind nicht dasselbe.
Das ist also kein ausschließlich marokkanisches Phänomen. Auch in Deutschland sind Frauen rechtlich gleichgestellt und erleben trotzdem in bestimmten Situationen, Strukturen und Beziehungen Benachteiligung. Vielleicht fallen mir Unterschiede in Marokko stärker auf, weil sie sich anders zeigen als die Ungleichheiten, an die ich aus meinem deutschen Alltag gewöhnt bin.
Vertraute Benachteiligungen erkennen wir manchmal schlechter. Fremde springen uns schneller ins Auge.
Nach zwei Nächten konnte ich nicht beurteilen, wie selbstbestimmt alleinstehende oder geschiedene Frauen in Casablanca tatsächlich leben können. Aber das Gespräch gab einer alten Frage aus dem Roman neue Aktualität:
Wie viel Freiheit bieten formale Rechte, wenn praktische Sicherheit weiterhin von Einkommen, Wohnraum, gesellschaftlicher Akzeptanz oder familiärer Unterstützung abhängt?
Meine ausführlicheren Gedanken zum Roman stehen in meiner Rezension zu „Eine Verstoßene geht ihren Weg„.
Der Muezzin um 4:29 Uhr
Das einschneidendste Erlebnis meiner Reise geschah bereits am ersten Morgen.
Um 4:29 Uhr hörte ich zum ersten Mal den Muezzin.
Ich öffnete sofort die Terrassentür und hörte einfach zu.
In diesem Moment verstand ich emotional etwas, das ich vorher nur abstrakt betrachtet hatte: warum Menschen sich in einer neuen Heimat eine Moschee wünschen, wenn sie auswandern.
Ich stellte mir vor, wie viele Menschen um mich herum denselben Ruf hörten, sich zum Gebet vorbereiteten oder sich zumindest für einen Moment derselben religiösen Tradition verbunden fühlten.
Für mich war das ein unglaubliches Gefühl.
Nicht, weil ich selbst Teil dieser religiösen Gemeinschaft war. Sondern weil ich für einen Augenblick erahnen konnte, welche Kraft in einer gemeinsamen, vertrauten Praxis liegen kann.
Es war kein Programmpunkt. Kein Ticket. Keine Sehenswürdigkeit und trotzdem ist es das Erlebnis, das mir von Casablanca am stärksten geblieben ist.
Warum ich trotz Anspannung wieder hinmöchte
Ich hatte Casablanca nicht als Reise außerhalb meiner Komfortzone geplant, es sollte kein Härtetest werden. Ich wollte einen mir völlig fremden Ort kennenlernen, ein paar Eindrücke sammeln und herausfinden, ob ich wiederkommen möchte.
Erst vor Ort merkte ich, wie viel innere Arbeit diese zwei Tage von mir verlangten. Ich versuchte ständig, neue Eindrücke einzuordnen, mich zu orientieren und mein Verhalten zu prüfen.
Die Sprache, der Verkehr, die (hauptsächlich von mir interpretierte) religiöse Prägung und meine Sorge, unabsichtlich etwas Falsches zu tun, hielten mich in einer dauerhaften Aufmerksamkeit.
An meinem letzten Tag konnte ich es deshalb fast nicht erwarten, wieder nach Hause zu kommen.
Nicht, weil mir etwas Konkretes passiert war. Ich hatte mich sicher gefühlt und überwiegend freundliche, zurückhaltende Begegnungen erlebt.
Meine innere Anspannung hatte mich einfach erschöpft.
Rückblickend spreche ich trotzdem sehr positiv über diese Reise. Vielleicht, weil die körperliche Anspannung mit etwas Abstand fast vergessen ist, während die besonderen Momente geblieben sind.
Mustapha. Der Ruf des Muezzins. Das Meer. Die Blumen am Straßenrand. Die unerwarteten Gespräche. Die Einladung zu einem Couscousessen, das vielleicht irgendwann noch stattfinden wird.
Und inzwischen auch eine ziemlich konkrete Idee für ein nächstes Mal.
Ich würde länger bleiben. Ich würde eine zentralere Unterkunft suchen. Ich würde die Hassan-II.-Moschee mit Führung einplanen, statt sie nach einem anstrengenden Fußweg nur halb zu erreichen. Und ich würde Rabat mitdenken – vielleicht als Tagesausflug oder als zweite Station, weil ich gern den Palast sehen möchte.
Vielleicht war diese erste Reise nicht dafür da, Casablanca zu verstehen.
Vielleicht war sie dafür da, herauszufinden, wie ich zurückkommen möchte.
Mein vorläufiges Fazit zu Casablanca
Meine Annahme, in Casablanca weniger europäischen Tourismus zu erleben als vermutlich in Marrakesch oder Fès, bestätigte sich teilweise.
Ich sah nur wenige europäische Tourist:innen. Nicht einmal Postkarten für meine Mutter konnte ich finden. Auch im Hotel hatte ich nicht das Gefühl, mich in einer hauptsächlich für europäische Gäste geschaffenen Ferienwelt zu bewegen.
Gleichzeitig weiß ich nicht, wie repräsentativ mein Eindruck war. Ich kam an einem Feiertag an, blieb nur zwei Nächte und bewegte mich in einem begrenzten Teil der Stadt.
Casablanca war für mich kein einfaches Reiseziel. Aber einfach ist nicht dasselbe wie uninteressant.
Ich habe die Moschee nicht von innen gesehen. Ich habe keinen Couscous gegessen. Ich habe den öffentlichen Nahverkehr nicht ausprobiert.
Trotzdem war die Reise nicht leer.
Vor allem habe ich gemerkt, dass ein Vibe-Check nicht immer sofort ein klares Ergebnis liefern muss.
Manchmal reicht eine kurze Reise, um die eigenen Annahmen zu korrigieren.
Manchmal zeigt sie vor allem, was man beim nächsten Mal anders machen würde.
Und manchmal sitzt man drei Wochen später zu Hause, denkt an all die Dinge, die nicht ganz leicht waren und sucht trotzdem wieder nach Hotels in Casablanca.
Kostenloses Ausmalbild zum Download
Dieses Ausmalbild basiert auf einem Fliesenspiegel am Museum der Hassan-II.-Moschee in Casablanca. Du kannst die Vorlage kostenlos herunterladen, ausdrucken und ausmalen.


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