Für meine kurze Reise nach Casablanca habe ich mich für ein Buch entschieden, das mir einen kulturellen Zugang zu Marokko gibt. Bei der Suche bin ich allerdings schnell auf ein Problem gestoßen: Viele Empfehlungen, z.B. auf meiner ersten Anlaufstelle TaleAway, konzentrieren sich fast ausschließlich auf Marrakesch. Da ich diesmal aber nur in Casablanca sein werde, habe ich ChatGPT nach einer Alternative gefragt und bekam „Eine Verstoßene geht ihren Weg“ von Leïla Abouzeïd vorgeschlagen.
Rückblickend war das vermutlich genau die richtige Wahl: kein „großes Erklärbuch“ über Marokko, sondern eher ein kleines Fenster in eine andere Zeit und Gesellschaft.
Warum gehts?
Der Roman begleitet Zahra nach ihrer Scheidung durch ihr Leben und spielt über mehrere Jahre in verschiedenen Orten in Marokko. Dabei geht es um Familie, Ehe, gesellschaftliche Erwartungen, Religion und die Rolle der Frau in einer Gesellschaft, die stark von Traditionen, aber auch von politischen Veränderungen geprägt ist.
Obwohl das Buch mit 130 Seiten sehr kurz ist, streift es viele große Themen: die Folgen der französischen Kolonialzeit, soziale Abhängigkeiten, weibliche Selbstbestimmung und die Frage, wie Menschen ihren eigenen Weg finden, wenn die Gesellschaft bereits entschieden zu haben scheint, welchen Platz sie einnehmen sollten.
Was mir gefallen hat
Besonders spannend fand ich die Darstellung der Haltung gegenüber den Franzosen, bzw. Europäern. Da ich das erste Mal nach Marokko fliege, wollte ich wissen, wie mir die Menschen dort begegnen und wie historische Erfahrungen bis heute nachwirken könnten. Natürlich beschreibt das Buch kein modernes Marokko von 2026, aber Literatur schafft manchmal etwas, das Reiseführer kaum können: Sie vermittelt Stimmungen und Denkweisen statt nur Fakten.
Interessanterweise habe ich ausgerechnet über Casablanca selbst gar nicht so viel erfahren. Konkrete Orte spielen kaum eine Rolle; hängen geblieben ist mir eigentlich nur der Name des Stadtviertels Bouchentouf.
Trotzdem hatte ich nach dem Lesen das Gefühl, Marokko emotional ein kleines Stück näher gekommen zu sein. Nicht über Sehenswürdigkeiten oder Straßennamen, sondern über gesellschaftliche Strukturen, Familienbilder und Alltagserfahrungen.
Auch das Frauenbild im Buch fand ich unglaublich interessant. Zahra lebt in einer klar patriarchalisch geprägten Gesellschaft, aber die Frauenfiguren wirken trotzdem keineswegs schwach oder eindimensional. Viele von ihnen erscheinen pragmatisch, widerstandsfähig und emotional sehr klar.
Besonders hängen geblieben ist mir das Zitat der Großmutter:
„Eine Frau hat nichts als ihren Ehemann und ihren Grundbesitz. Und dem Ehemann kann sie nicht trauen.“
Dieser Satz hat mich überrascht.
Ich hatte nicht damit gerechnet, innerhalb einer konservativen Gesellschaft so offene und kritische Aussagen über Männer zu lesen.
Genau in diesem Moment hatte ich plötzlich das Gefühl, dass unsere Gesellschaften vielleicht gar nicht so unterschiedlich sind, wie ich vorher gedacht hatte. Andere kulturelle Rahmenbedingungen, aber teilweise ähnliche Erfahrungen, Ängste und Vorsichtsmechanismen.
Ein weiterer Aspekt in diesem Buch war, warum Religion für viele Menschen eine wichtige Stütze sein kann. Beim Lesen merkt man, wie viel Durchhaltevermögen und innere Stärke Zahra durch den Glauben behält, in einer Zeit, in der eine Scheidung für eine Frau das Schlimmste ist, das ihr passieren kann.
Was ich mir noch gewünscht hätte
Mein größter Kritikpunkt ist gleichzeitig vielleicht auch einfach die Natur des Buches: Es ist sehr kurz. Dadurch rast man regelrecht durch Zahras Leben, obwohl sie eigentlich unglaublich viel erlebt.
Ich hätte mir an vielen Stellen mehr Empfindungen und emotionalen Tiefgang gewünscht. Teilweise fühlte es sich fast so an, als würde Zahra ihr eigenes Leben eher beobachten als wirklich darin stehen, selbst in Situationen, die gefährlich oder emotional extrem belastend sind.
Vielleicht ist diese Distanz bewusst gewählt. Trotzdem hätte ich gerne etwas mehr Zeit mit den Figuren verbracht und manche Entwicklungen intensiver erlebt.
Für wen ist es geeignet – und für wen nicht?
Ich würde das Buch besonders Menschen empfehlen, die vor einer Reise nach Marokko einen kurzen kulturellen oder historischen Zugang suchen, ohne direkt ein Sachbuch lesen zu wollen. Auch wer sich für gesellschaftliche Rollenbilder, Kolonialgeschichte oder Frauenperspektiven interessiert, kann hier viel mitnehmen.
Gut geeignet ist es außerdem für Leser:innen, die eher kurze Bücher mögen oder bewusst eine „Kontext-Lektüre“ für unterwegs suchen.
Weniger geeignet ist es vermutlich für Menschen, die sehr atmosphärische Romane mit starkem emotionalem Fokus erwarten. Wer sich tief in Figurenpsychologie verlieren möchte oder eine sehr detailreiche Erzählweise bevorzugt, könnte das Buch als zu distanziert oder zu knapp empfinden.
Fazit
Vielleicht passt es deshalb auch so gut, dass Rabat – die Hauptstadt von Marokko – 2026 von der UNESCO zur Welthauptstadt des Buches ernannt wurde. Ausgezeichnet wurde Rabat unter anderem für seinen Fokus auf den Zugang zu Literatur, die Förderung von Lesen in der Gesellschaft und den Versuch, Bücher stärker für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen zugänglich zu machen.
Das nächste Buch für Marokko liegt bereits bei mir bereit: „Die Engel von Sidi Moumen“ von Mahi Binebine. Ich habe mich allerdings bewusst entschieden, es erst nach meiner Reise zu lesen.
Gerade in Europa werden islamisch geprägte Länder in den Medien oft vor allem mit Terrorismus, Radikalisierung oder Fluchtbewegungen verbunden. Davon handelt Binebines Roman zumindest teilweise auch – und ich glaube durchaus, dass er wichtige gesellschaftliche Hintergründe erklären kann. Vielleicht gerade deshalb bin ich froh, zuerst ein anderes literarisches Fenster nach Marokko geöffnet zu haben.
Ich wollte nicht mit genau der Perspektive nach Marokko reisen, die populistische Parteien ohnehin ständig bedienen. Nicht aus Naivität oder weil solche Themen nicht existieren würden, sondern weil ich das Gefühl hatte, dass ein Land mehr verdient als nur die Geschichten, mit denen wir in Europa ohnehin permanent konfrontiert werden.
Erwähnenswert an dieser Stelle deswegen der Kinzelbach Verlag, der das Buch auf Deutsch veröffentlicht hat. Der Verlag spezialisiert sich unter anderem auf Literatur aus Afrika und der arabischen Welt – also genau auf Stimmen, die im deutschsprachigen Buchmarkt oft weniger sichtbar sind. Gerade für mein Reise-Reads-Konzept finde ich solche Verlage spannend, weil sie helfen können, Länder nicht nur durch westliche Perspektiven wahrzunehmen.
Vielleicht war „Eine Verstoßene geht ihren Weg“ deshalb genau die richtige erste Reiselektüre für mich: weniger Schlagzeilen, mehr Alltag, mehr gesellschaftliche Zwischentöne.
Disclaimer
Transparenz: Die Coverabbildung verwende ich mit freundlicher Genehmigung von Donata Kinzelbach. Die Rezension ist unbeauftragt und spiegelt ausschließlich meine persönliche Meinung wider.


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