Ein Roman von Mike Dash erschienen im Ullstein Verlag.
Es gibt Bücher, die machen Lust auf einen Ort. Und es gibt Bücher, die verändern den Blick auf etwas, das man dort längst gesehen hat.
„Tulpenwahn“ von Mike Dash gehört für mich eindeutig zur zweiten Kategorie.
Das ist besonders ironisch, weil Amsterdam für mich keineswegs Neuland ist. Als ich jünger war, war ich mehrmals dort, weil mein Vater einige Jahre in Amsterdam gearbeitet hat. Bei einem dieser Besuche wollte meine Mutter unbedingt ins Tulpenmuseum.
Mein Vater und ich konnten uns damals wenig Langweiligeres vorstellen.
Also ging meine Mutter allein hinein, während wir draußen blieben.
Heute denke ich: Dieses Mal gehe ich hin.
Und genau dieser Perspektivwechsel ist eigentlich der Grund, warum ich meine Reise-Reads lese.
Worum geht es in „Tulpenwahn“?
Mike Dash erzählt die Geschichte einer Blume, die heute kaum niederländischer wirken könnte und deren Geschichte doch weit vor ihrem Siegeszug in den Niederlanden beginnt.
Er zeichnet nach, wie Tulpen ihren Weg nach Europa fanden, welche Bedeutung sie zuvor unter anderem im Osmanischen Reich hatten und wie aus einer seltenen und begehrten Pflanze schließlich ein Handels- und Spekulationsobjekt wurde.
Besonders im Mittelpunkt steht dabei der sogenannte Tulpenwahn des 17. Jahrhunderts: Seltene Sorten wurden immer begehrter, die Preise stiegen und Tulpen beziehungsweise nur die Aussicht auf zukünftige Tulpen wechselten für teilweise enorme Summen den Besitzer.
Bis das Vertrauen in immer weiter steigende Preise schließlich verschwand.
Mich hat dabei weniger die bekannte Anekdote interessiert, dass Menschen angeblich unglaubliche Summen für Tulpen ausgaben. Viel spannender fand ich die Frage:
Wie kommt eine Gesellschaft überhaupt an diesen Punkt?
Und noch unangenehmer: Sind wir heute wirklich so anders?
Meine Mutter liest dasselbe Buch und sieht etwas völlig anderes
Ich habe „Tulpenwahn“ ausversehen zweimal bestellt. Meine Mutter nahm mir das zweite Exemplar ab und so lesen wir das Buch gerade nahezu parallel.
Unsere Reaktionen könnten unterschiedlicher kaum sein.
Meine Mutter sagte irgendwann sinngemäß, dass sie trotzdem nicht verstehe, wie Menschen sich so sehr in den Handel mit Tulpen hineinsteigern konnten.
Ich hingegen dachte beim Lesen ständig an die Gegenwart.
An Aktien, an Kryptowährungen, an Werbung, an Konsum.
Und irgendwann leider auch an meinen ungefähr drei Meter langen Kleiderschrank voller Sachen, von denen manche seit Jahren kein Tageslicht gesehen haben.
Vielleicht sind mir die Menschen des 17. Jahrhunderts deshalb gar nicht so fremd.
Tulpen, GameStop und Bitcoin
Natürlich ist eine Tulpenzwiebel kein Bitcoin und der historische Tulpenhandel war kein GameStop-Aktienhandel.
Trotzdem musste ich beim Lesen immer wieder an ähnliche Mechanismen denken.
Bei der GameStop-Aktie etwa daran, wie stark Preise allein dadurch beeinflusst werden können, dass plötzlich sehr viele Menschen dieselbe Sache kaufen wollen – begleitet von einer Geschichte, die immer weitere Menschen dazu bringt, ebenfalls einzusteigen.
Noch stärker empfand ich die Parallele zu Bitcoin.
Auch dort investieren Menschen in etwas, dessen Wert sich nicht daraus ergibt, dass man es anfassen und praktisch benutzen kann. Dazu kommen Geschichten, die längst Teil der Popkultur geworden sind:
Irgendwo gab es doch diesen Menschen, der sehr früh Bitcoin gekauft und später die Festplatte weggeworfen hat.
Oder jemanden, der für ein paar Bitcoin etwas vollkommen Banales gekauft hat und heute Millionär wäre, hätte er sie nur behalten.
Solche Geschichten sind faszinierend, weil sie rückblickend suggerieren:
Du hättest es wissen können. Du hättest dabei sein können. Vielleicht kommt die nächste Gelegenheit noch.
Genau dieses Gefühl – die Angst, eine Chance zu verpassen – konnte ich beim Lesen von „Tulpenwahn“ immer wieder erkennen.
Je höher die Preise stiegen, desto plausibler musste es erscheinen, dass der Handel ein absolut sicheres Geschäft ist.
Die Ursache
Das ist für mich eine der größten Stärken des Buches.
Mike Dash präsentiert keine einfache Erklärung nach dem Motto: Die Menschen waren gierig, die Preise wurden verrückt und irgendwann brach alles zusammen.
Stattdessen tauchen im Verlauf des Buches immer wieder kleine Faktoren auf, die zur Entwicklung beitragen.
Beim aufmerksamen Lesen setzt sich daraus langsam ein Gesamtbild zusammen.
Bestimmte Tulpen sind selten. Seltenheit schafft Begehrlichkeit. Begehrlichkeit führt zu steigenden Preisen. Steigende Preise machen den Handel für Menschen interessant, denen die eigentliche Blume vielleicht längst weniger wichtig ist als der mögliche Gewinn.
Andere sehen, dass mit Tulpen Geld verdient wird, also wollen auch sie teilnehmen. Das wiederum erhöht die Nachfrage.
Irgendwann hängt das System nicht mehr nur davon ab, wie schön oder selten eine Tulpe ist, sondern davon, dass genügend Menschen weiterhin daran glauben, dass jemand anderes bereit sein wird, noch mehr dafür zu bezahlen.
Dash zeigt gleichzeitig Faktoren, die später zum Absturz beitragen.
Dadurch wirkt das Ende nicht wie ein überraschender Knall, den der Autor aus dem Nichts hervorholt. Vieles davon wurde vorher bereits vorbereitet.
Man muss nur aufmerksam genug lesen, um die kleinen Warnsignale wahrzunehmen.
Unser Konsum heute
Und damit kam ich beim Lesen irgendwann von Spekulation zu einem sehr viel alltäglicheren Thema: Konsum.
Wir schauen gern auf historische Phänomene und fragen uns, wie Menschen so irrational sein konnten.
Wie kann man nur so viel Geld für eine Blume ausgeben?
Gleichzeitig besitzen viele von uns heute unglaublich viele Dinge, die wir objektiv betrachtet nicht brauchen.
Kleidung ist mein persönlicher wunder Punkt.
Ich brauche definitiv keinen drei Meter langen Kleiderschrank. Er ist trotzdem voll.
Einzelne Kleidungsstücke haben mich nicht ruiniert. Genau darin liegt vielleicht ein Unterschied zum konzentrierten Tulpenhandel: Unser Konsum verteilt sich heute auf unzählige Produktgruppen.
Hier ein Kleid.
Dort neue Kopfhörer.
Noch ein Serum.
Eine hübsche Tasse.
Ein neues Handy, obwohl das alte eigentlich funktioniert.
Keiner dieser Käufe wirkt für sich genommen besonders dramatisch.
Zusammengenommen geben wir aber enorme Summen für Dinge aus, die nicht unbedingt notwendig sind.
Und natürlich können auch heute Konsum, Kredite oder der Wunsch nach einem bestimmten Lebensstandard finanzielle Konsequenzen haben.
Vielleicht ist unser Verhalten also nicht grundsätzlich vernünftiger geworden, wir haben schlicht viel mehr Möglichkeiten entwickelt, irrational zu konsumieren.
Vom Tulpenbild zum Sammelgefühl
Beim Lesen musste ich noch an etwas anderes denken: Sammeln.
Als Kind habe ich Diddl-Blätter gesammelt.
Jetzt erscheint mir der Wunsch nach möglichst besonderen Tulpen gar nicht mehr so fremd. Denn beim Sammeln geht es irgendwann nicht mehr darum, ob man etwas braucht.
Es geht um Varianten, Seltenheit und dieses kleine Glücksgefühl, wenn man etwas findet, das einem noch fehlt.
Ein einzelnes Blatt Papier ist objektiv nicht besonders wertvoll. Innerhalb einer Sammlung kann genau dieses eine Blatt aber plötzlich etwas Besonderes sein.
Ähnlich stelle ich mir einen Teil der Faszination für seltene Tulpensorten vor: Nicht jede Tulpe war einfach nur eine Tulpe. Manche wollte man gerade deshalb besitzen, weil sie anders aussah als die anderen.
Dass Diddl gerade wieder aus der Versenkung auftaucht, macht den Gedanken für mich noch interessanter.
Dinge können ihren Wert verlieren, vergessen werden und Jahre später plötzlich wieder begehrt sein – nicht unbedingt wegen ihres praktischen Nutzens, sondern wegen Nostalgie, Seltenheit oder weil eine neue Gruppe sie wieder interessant findet.
Vielleicht war deshalb auch beim Tulpenwahn nicht nur die Aussicht auf Gewinn entscheidend. Ein Teil davon könnte schlicht dieses sehr menschliche „Die will ich haben“ gewesen sein, lange bevor jemand darüber nachdachte, sie später teurer weiterzuverkaufen.
Bevor die Tulpe Spekulationsobjekt wurde, war sie „Lale“
Fast noch interessanter als der niederländische Tulpenhandel fand ich einen anderen Teil des Buches: die frühen Erzählungen über die Beziehung des Osmanischen Reiches zur Tulpe.
Dort fühlte sich die Geschichte für mich plötzlich vollkommen anders an.
Wo ich bei den späteren niederländischen Händlern zunehmend Preise, Seltenheit und mögliche Gewinne wahrnahm, beschreibt Dash zuvor eine beinahe liebevolle Beschäftigung mit der Blume.
Die Tulpe – auf Türkisch „Lale“ – war nicht einfach nur Ware.
Sie wurde gezüchtet, betrachtet, beschrieben und künstlerisch dargestellt.
Natürlich spielten auch dort Prestige und Seltenheit eine Rolle. Trotzdem hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass der Wert zunächst viel stärker an der Pflanze selbst hing, an ihrer Schönheit.
Vielleicht ist mir dieser Teil deshalb so stark hängen geblieben.
Und dann musste ich plötzlich lachen: Meine Freundinnen und ich waren früher regelmäßig in einer Berliner Shisha-Bar namens Lale.
Jahrelang war das für mich einfach der Name dieser Bar.
Jetzt lese ich ein Buch über Tulpen und plötzlich hängt an diesem einen Wort eine ganze Kulturgeschichte.
Tulpenbilder als Werbung – und Künstler als Influencer?
Noch eine Sache ließ mich beim Lesen erstaunlich oft an unsere Gegenwart denken: Bilder.
Tulpen wurden schließlich nicht immer dann verkauft, wenn sie gerade in voller Blüte standen. Händler mussten potenziellen Käuferinnen und Käufern also zeigen können, was aus einer Zwiebel einmal werden sollte.
Dafür wurden die Blumen dargestellt.
Natürlich wäre es zu einfach, solche historischen Tulpenbilder direkt als Instagram-Werbung des 17. Jahrhunderts zu bezeichnen.
Trotzdem ist der Mechanismus erstaunlich vertraut:
Das Produkt sieht (noch) nicht besonders beeindruckend aus? Ich zeige dir ein attraktives Bild davon, wie es aussehen kann.
Auch die Darstellung kostbarer Tulpen in der Kunst hat mich an moderne Werbung denken lassen.
Künstler waren selbstverständlich keine Influencer im heutigen Sinne.
Aber Bilder können beeinflussen, was eine Gesellschaft als schön, wertvoll und begehrenswert wahrnimmt.
Heute sehe ich ab und zu ein Produkt auf Instagram und beginne irgendwann darüber nachzudenken, ob ich es vielleicht auch haben möchte.
Damals sah jemand eine außergewöhnliche Tulpe in Bildern, Sammlungen oder im Besitz wohlhabender Menschen.
Die Technik hat sich verändert.
Der Wunsch, etwas besitzen zu wollen, weil es uns immer wieder als begehrenswert begegnet, vielleicht weniger.
Was mir beim Lesen schwerfiel
So viele Gedanken mir „Tulpenwahn“ beschert hat, so problemlos war die Lektüre trotzdem nicht.
Dash erzählt teilweise sehr ausführlich.
Sehr, sehr ausführlich.
Grundsätzlich fand ich seinen Schreibstil nicht schwer verständlich. Das Problem war eher, dass manche Ausführungen so lang wurden, dass ich bemerkte, wie meine Aufmerksamkeit langsam davonzog.
Da ich das Buch relativ schnell gelesen habe, fiel mir das besonders auf.
Teilweise musste ich eine Passage drei- oder viermal beginnen, weil ich zwar die einzelnen Sätze gelesen hatte, aber irgendwann feststellen musste, dass mein Kopf längst ganz woanders war.
Wer ein sehr straff erzähltes Sachbuch erwartet, könnte deshalb zwischendurch etwas Geduld brauchen.
Ironischerweise ist genau diese Detailfülle gleichzeitig eine Stärke des Buches.
Nur weil Dash so viele kleine Entwicklungen beschreibt, konnte ich überhaupt erkennen, wie unterschiedlich die Faktoren waren, die den Tulpenhandel zunächst anfachten und später zu seinem Ende beitrugen.
Das Buch ist also an manchen Stellen aus demselben Grund anstrengend, aus dem es gleichzeitig interessant ist.
Dafür: herrlich trockener Humor
Was den ausführlichen Passagen für mich immer wieder Leichtigkeit gegeben hat, waren Dashs Kommentare.
Er schreibt häufig sehr nüchtern, manchmal liegt in dieser Nüchternheit ein fast ironisch-sarkastischer Unterton.
Gerade wenn das Verhalten einzelner Personen oder bestimmte Entwicklungen ohnehin schon absurd wirken, kommentiert er sie nicht künstlich dramatisch.
Er lässt die Absurdität häufig einfach stehen.
Und genau deshalb musste ich beim Lesen immer wieder ziemlich süffisant grinsen.
Für ein historisches Sachbuch fand ich das angenehm.
„Tulpenwahn“ ist sicherlich kein humoristisches Buch, aber auch kein Buch, das Geschichte so ehrfürchtig behandelt, dass niemand darüber schmunzeln darf.
Dieses Mal gehe ich ins Tulpenmuseum
Und damit zurück nach Amsterdam.
Damals stand meine Mutter im Tulpenmuseum.
Mein Vater und ich standen draußen.
Ich weiß nur noch, dass ein Museum über Tulpen auf meiner damaligen Prioritätenliste ungefähr dort stand, wo heute vermutlich ein dreistündiger Vortrag über Steuerformulare stehen würde.
Heute freue ich mich darauf.
Nicht weil ich plötzlich eine leidenschaftliche Hobbygärtnerin geworden wäre, sondern weil ich jetzt Fragen habe.
Ich möchte sehen, wie die Geschichte dort erzählt wird.
Welche Rolle das Osmanische Reich spielt.
Wie der Tulpenhandel dargestellt wird.
Welche Objekte erhalten geblieben sind und was ich wiedererkennen werde.
Und ob ich nach dem Museumsbesuch wieder andere Gedanken zu dem Buch habe.
Genau das möchte ich mit meinen Reise-Reads erreichen.
Ich lese nicht, um anschließend eine Liste historischer Fakten abhaken zu können.
Ich lese, weil ich Orte dadurch anders wahrnehmen möchte.
Manchmal bedeutet das nicht, dass ich plötzlich eine Sehenswürdigkeit entdecke, von der ich vorher noch nie gehört hatte.
Manchmal bedeutet es schlicht: Etwas, an dem ich früher gelangweilt vorbeigegangen wäre, ist plötzlich interessant geworden.
Mein Fazit zu „Tulpenwahn“
„Tulpenwahn“ war für mich kein Buch, das mich auf jeder Seite gefesselt hat.
Dafür sind einige Passagen zu ausführlich und verlangen zu viel Konzentration. Besonders beim schnellen Lesen bin ich immer wieder abgeschweift.
Trotzdem hat mich das Buch ungewöhnlich stark beschäftigt, vielleicht sogar stärker als manches Buch, das ich viel flüssiger gelesen habe.
Ich habe über Spekulation nachgedacht, über Bitcoin und GameStop, über Werbung und Status, über Konsum und meinen eigenen Kleiderschrank.
Gleichzeitig hat mir Dash eine Seite der Tulpe gezeigt, die weit über das niederländische Klischee hinausgeht: ihre frühere kulturelle Bedeutung, besonders im Osmanischen Reich, und die fast liebevolle Beschäftigung mit der „Lale“, bevor sie in meiner Wahrnehmung zunehmend zum Handelsobjekt (oder Shisha-Bar) wurde.
Vor allem aber hat das Buch bereits vor meiner Reise etwas geschafft, woran mein jüngeres Ich ziemlich sicher nicht geglaubt hätte:
Ich möchte ins Tulpenmuseum.
Und vielleicht ist genau das das größte Kompliment, das ich einem Reise-Read machen kann.
Meine Reise-Reads-Einordnung
Geeignet für: alle, die sich nicht nur für Tulpen interessieren, sondern auch für Wirtschafts-, Kultur- und Konsumgeschichte – und die bereit sind, sich durch einige sehr detailreiche Passagen zu arbeiten.
Weniger geeignet für: alle, die eine leichte, atmosphärische Amsterdam-Lektüre oder ein schnell erzähltes Sachbuch suchen.
Disclaimer:
Transparenz: Ich habe das Buch selbst gekauft – versehentlich sogar zweimal – es ist kein Rezensionsexemplar und es besteht (noch) keine Kooperation mit Autor oder Verlag. Das Cover wird freundlicherweise vom Ullstein Verlag über die Webseite zur Verfügung gestellt.


Schreibe einen Kommentar