Entspannte Reisen für volle Köpfe

Die Hauptstadt – Rezension

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10–15 Minuten

Ein Roman von Robert Menasse aus dem Suhrkamp Verlag.

Ein Schwein läuft frei durch Brüssel.

Es überquert Straßen, wird von verschiedenen Menschen gesehen und verschwindet wieder aus ihrem Blickfeld. Niemand weiß so recht, woher es kommt, wohin es unterwegs ist und ich frage mich, welche Bedeutung es für die Geschichte haben wird.

Nach Dimitri Verhulsts „Problemski Hotel“ war Robert Menasses „Die Hauptstadt“ mein zweiter Reise-Read für Brüssel. Während Verhulst Menschen begleitet, die am äußersten Rand des politischen Systems auf Entscheidungen über ihre Zukunft warten, führt Menasse mitten hinein in die Institutionen der Europäischen Union.

Ich hatte deshalb ein Buch erwartet, das mir die politische Seite Brüssels und vielleicht auch einige Orte näherbringt, die ich während meiner Reise besuchen könnte.

Nach der Lektüre fällt meine Einordnung etwas anders aus:

Als Roman hat mich „Die Hauptstadt“ wirklich überzeugt. Als klassischer Reise-Read für Brüssel eignet er sich dagegen nur eingeschränkt. Dafür ist er ein umso stärkerer Kontext-Read über Europa und die Idee hinter der Europäischen Union.

Worum geht es in „Die Hauptstadt“?

Die Europäische Kommission bereitet sich auf ihr fünfzigjähriges Bestehen vor. Die wenig prestigeträchtige Generaldirektion Kultur soll ein Projekt entwickeln, das dem angeschlagenen Image der Institution neuen Glanz verleihen könnte.

Die Idee: Die letzten noch lebenden Überlebenden der Konzentrationslager sollen nach Brüssel eingeladen werden. Auschwitz könnte zum emotionalen Mittelpunkt einer Kampagne werden, mit der die Europäische Union an ihre ursprüngliche Friedensidee erinnert.

Doch in der Kommission genügt eine große Idee allein nicht. Zuständigkeiten müssen geklärt, politische Interessen berücksichtigt und mögliche Auswirkungen auf die Karrieren der Beteiligten bedacht werden. Was als ambitioniertes Jubiläumsprojekt beginnt, gerät immer tiefer in ein Geflecht aus Bürokratie, nationalen Interessen und persönlichen Eitelkeiten.

Parallel dazu begleitet der Roman zahlreiche weitere Figuren: einen Brüsseler Polizisten, dem ein Mordfall wieder entzogen wird, einen hochbetagten Holocaustüberlebenden, einen Auftragsmörder, verschiedene EU-Beamt:innen und den emeritierten Wirtschaftsprofessor Alois Erhart, der über die Zukunft Europas nachdenkt.

Und irgendwo dazwischen läuft immer wieder das Schwein durch Brüssel.

Ein Einstieg, der Geduld verlangt

Das erste Drittel des Romans hat es mir nicht leicht gemacht.

Menasse wirft seine Leser:innen in ein regelrechtes Wirrwarr aus Figuren, Institutionen, Funktionen und politischen Zuständigkeiten. Kaum hatte ich eine Person halbwegs eingeordnet, wechselte die Perspektive schon zur nächsten. Dazu kommen zahlreiche Passagen über interne Abläufe der Europäischen Kommission und eine Menge Politik-Sprech.

Wer sich mit der Europäischen Union und ihren Institutionen wenig beschäftigt hat, könnte den Einstieg deshalb als langatmig empfinden. Ich musste mich auch erstmal orientieren und hatte zeitweise das Gefühl, mehr Namen kennenzulernen, als ich mir merken konnte.

Immer wenn der Roman näher an seine Figuren heranrückt, wird er jedoch sofort zugänglicher. Hinter Funktionsbezeichnungen und Bürotüren kommen nach und nach Menschen zum Vorschein: mit Hoffnungen, Ängsten, Erinnerungen, Eitelkeiten und dem Wunsch, innerhalb eines riesigen Systems nicht vollkommen bedeutungslos zu sein.

Mit jeder Buchseite konnte ich die Figuren etwas besser einordnen. Irgendwann waren sie nicht mehr nur Namen, die ich auseinanderhalten musste. Ich begann, sie zu mögen, mit ihnen mitzufiebern und zu hoffen, dass ihre Vorhaben erfolgreich sein würden.

Im zweiten Drittel nahm der Roman für mich deutlich an Fahrt auf. Die verschiedenen Handlungsstränge rückten enger zusammen, Zusammenhänge wurden sichtbar und die anfangs so unübersichtliche Figurenwelt begann zu funktionieren.

Durch das letzte Drittel bin ich schließlich geflogen.

Der schwierige Einstieg war für mich im Nachhinein keine Schwäche, die den gesamten Roman überschattet. Er war eher eine Hürde, die sich zu überwinden gelohnt hat.

Menschen innerhalb eines großen Systems

Besonders gelungen finde ich, dass Menasse seine Figuren nicht einfach als anonyme Repräsentant:innen einer gesichtslosen EU-Bürokratie zeichnet.

Viele von ihnen handeln aus Eigennutz. Sie denken an ihre Karriere, ihren Einfluss oder daran, wie sich ein Projekt auf ihre Position auswirken könnte. Zuständigkeiten werden verschoben, Verantwortung wird weitergereicht und selbst die Erinnerung an den Holocaust kann zum Gegenstand politischer Kalkulation werden.

Trotzdem reduziert der Roman seine Figuren nicht auf ihre Funktionen.

Hinter den Ämtern stehen Menschen, die gesehen werden wollen. Menschen, die Anerkennung suchen, an ihren eigenen Ideen hängen oder sich wenigstens einreden möchten, dass ihre Arbeit einen Sinn hat. Manche sind idealistisch, andere zynisch, einige opportunistisch – und viele wahrscheinlich alles davon gleichzeitig.

Gerade deshalb begann ich mit ihnen mitzufühlen, obwohl ich ihre Entscheidungen nicht immer nachvollziehen oder gutheißen konnte.

Das Bild der Europäischen Union, das daraus entsteht, ist nicht besonders schmeichelhaft. Aber es ist auch nicht einfach nur eine Abrechnung mit ihren Institutionen. Menasse zeigt die Bürokratie als etwas, das große Ideen ausbremsen kann – aber eben auch als ein System, das von Menschen geprägt wird, die selbst widersprüchlich sind.

Alois Erhart und die Frage, was Europa sein könnte

Mein persönlicher Favorit ist Alois Erhart.

Der emeritierte Wirtschaftsprofessor nimmt an einer Denkfabrik teil, in der über die Zukunft Europas gesprochen werden soll. Während viele der Beteiligten innerhalb bekannter politischer Kategorien bleiben, nutzt Erhart die Gelegenheit für ein radikales Gedankenspiel.

Was wäre, wenn Europa den Gedanken der Nationalstaaten tatsächlich hinter sich ließe? Was wäre, wenn wir unsere nationale Identität aufgeben und uns stattdessen in erster Linie als Europäer:innen verstehen würden?

Er liefert keine einfachen Antworten. Stattdessen spricht er Dinge aus, die so radikal sind, dass man zwangsläufig eine Reaktion hat. Seine Gedanken wirken nicht deshalb interessant, weil sie alle umsetzbar oder erstrebenswert wären, sondern weil sie Vorstellungen erschüttern, die wir als selbstverständlich hinnehmen.

Die Idee, Nationalität nicht länger zum wichtigsten Bestandteil der eigenen Identität zu machen, hat mich besonders beschäftigt. Ich glaube, dass es viele gesellschaftliche und politische Ansichten durcheinanderbringen würde, wenn wir uns weniger über unsere Nationalität und stärker über ein gemeinsames Europa definieren würden.

Gerade heute wirkt Erharts Warnung vor dem Wiedererstarken nationaler Interessen unangenehm aktuell.

Der Roman hat mir dadurch nicht nur seine fiktiven Figuren nähergebracht. Er hat mich auch intensiver über die Idee der Europäischen Union nachdenken lassen.

Nicht über die EU als kompliziertes Geflecht aus Institutionen, Verordnungen und Zuständigkeiten, sondern über den Versuch, nach zwei Weltkriegen ein gemeinsames Europa zu schaffen, in dem nationale Interessen nicht erneut wichtiger werden als Frieden und Zusammenarbeit.

Menasse zeigt diese Idee nicht als vollendetes Erfolgsmodell. Sie erscheint eher wie ein gefährdetes, widersprüchliches Projekt, das ständig neu verteidigt werden muss – auch gegen die Menschen und Staaten, die offiziell Teil davon sind.

Hat Menasse selbst einen kleinen Alois Erhart in sich?

Während des Lesens entstand bei mir der Gedanke, dass Robert Menasse vielleicht selbst einen kleinen Alois Erhart in sich trägt. Natürlich – sonst hätte er ihn nicht geschrieben!

Erhart verschiebt den Rahmen des Denkbaren. Er stellt Behauptungen und Ideen in den Raum, denen man nicht unbedingt zustimmen soll. Vielmehr zwingt er sein Gegenüber dazu, die eigenen Gewissheiten zu überprüfen.

Ähnlich habe ich Menasses Umgang mit realen Orten, Namen und historischen Spuren innerhalb des Romans wahrgenommen.

Er greift Teile der Wirklichkeit auf, verschiebt sie, verbindet sie mit erfundenen Biografien und baut daraus sein eigenes Brüssel. Reale Namen tauchen in einem neuen Zusammenhang auf, Orte werden verändert und historische Spuren werden Teil der Fiktion.

Auf mich wirkte das nicht wie schlampiges Arbeiten. Ich habe es eher als literarische Methode gelesen.

Vielleicht möchte Menasse die Wirklichkeit gar nicht möglichst exakt abbilden. Vielleicht verändert er sie bewusst, um den Finger in ihre wunden Punkte zu legen.

Natürlich kann ich nicht wissen, welche dieser Verschiebungen tatsächlich beabsichtigt waren. Als Leserin hatte ich jedoch nicht das Gefühl, von dem Roman getäuscht zu werden. Ich empfand diese Mischung aus Realität und Fiktion eher als passend für ein Buch, das ständig danach fragt, welche Geschichte Europa über sich selbst erzählt und wie belastbar diese Geschichte eigentlich ist.

Wie faktisch korrekt muss ein Roman sein?

Bei meiner Recherche zu den im Roman genannten Namen und Orten bin ich auf verschiedene Abweichungen von der überprüfbaren Wirklichkeit gestoßen.

Ein Beispiel ist der Name Brunfaut. Im Buch war Jean-Richard Brunfaut ein Widerstandskämpfer, nach dem die Rue Brunfaut benannt wurde. Eine Straße mit „Brunfaut“ im Namen gibt es in Brüssel tatsächlich, die Rue Fernand Brunfaut. Im Roman wird der Name jedoch mit einer fiktiven Familien- und Widerstandsgeschichte verbunden. Der reale Fernand Brunfaut war Architekt und Politiker.

Ich empfinde diese Veränderung innerhalb eines Romans nicht automatisch als Fehler.

„Die Hauptstadt“ ist keine historische Dokumentation, keine Biografie und kein Sachbuch über die Europäische Kommission. Ein Roman darf reale Orte verschieben, Namen aufgreifen und Biografien verändern. Für mich muss Literatur nicht zu einhundert Prozent faktisch korrekt sein.

Entscheidend ist, ob das daraus entstehende Bild innerhalb der Geschichte glaubwürdig wirkt.

Und Menasses Bild der Europäischen Union erschien mir als eher zynischer Leserin durchaus ehrlich: Große Ideale treffen auf nationale Interessen, persönliche Eitelkeiten und eine schwerfällige Bürokratie. Menschen möchten Europa gestalten, müssen aber gleichzeitig ihre Position sichern. Gute Ideen werden nicht unbedingt abgelehnt, weil sie schlecht sind, sondern weil sie zum falschen Zeitpunkt von der falschen Abteilung kommen oder den Interessen eines Mitgliedstaates widersprechen.

Das bedeutet nicht, dass jede Behauptung im Roman als historischer Fakt verstanden werden sollte. Aber ich lese „Die Hauptstadt“ auch nicht als Nachschlagewerk.

Mir ist bewusst, dass Robert Menasse als öffentliche Person und sein Umgang mit historischen Aussagen außerhalb dieses Romans kontrovers diskutiert wurden. Diese Debatten möchte ich in dieser Rezension weder verteidigen noch bewerten. Hier geht es ausschließlich um „Die Hauptstadt“, um die literarische Wirkung des Romans und um mein persönliches Leseerlebnis.

Ein starker Kontext-Read, aber nur bedingt ein Reise-Read

Obwohl „Die Hauptstadt“ vollständig mit Brüssel und den europäischen Institutionen verbunden ist, hat mir der Roman nur wenige konkrete Orte für meine Reise mitgegeben.

Brüssel ist ständig präsent – als Arbeitsplatz, politisches Zentrum und Symbol für die europäische Idee. Als tatsächlich begehbare Stadt bleibt es jedoch erstaunlich abstrakt.

Zu den wenigen Orten, die ich bei meiner Recherche eindeutig mit meiner Reise verbinden konnte, gehört die Église Sainte-Catherine. Außerdem wird das sogenannte Grab der ewigen Liebe auf dem Friedhof von Laken erwähnt.

Dieses Grab hätte sich besonders gut als literarische Spur für meine Brüssel-Reise geeignet. Durch seine Bauweise entsteht dort rund um die Sommersonnenwende ein besonderes Lichtspiel in Form eines Herzens. Meine Reise findet allerdings ungefähr zwei Monate später statt, sodass ich genau dieses Schauspiel verpassen werde.

Vielleicht werde ich das Grab trotzdem besuchen. Nicht, weil ich dort eine konkrete Szene aus dem Roman nachstellen könnte, sondern weil es einer der wenigen Punkte ist, an denen sich das literarische Brüssel unmittelbar mit der realen Stadt verbindet.

Als klassischer Reise-Read, der mich durch bestimmte Straßen führt oder mir Orte zeigt, die ich anschließend unbedingt sehen möchte, funktioniert „Die Hauptstadt“ für mich deshalb nur eingeschränkt.

Als Kontext-Read ist der Roman dagegen ausgesprochen stark.

Er hat mir nicht vorrangig gezeigt, wie Brüssel aussieht. Er hat mir die Idee hinter der Europäischen Union nähergebracht: ein gemeinsames Europa, das mehr sein möchte als eine Zweckgemeinschaft von Nationalstaaten, aber ständig Gefahr läuft, genau auf diese nationalen Interessen zurückzufallen.

Der Reise-Mehrwert liegt für mich daher nicht in konkreten Sehenswürdigkeiten. Er liegt in der Frage, mit welchem Blick ich künftig durch das europäische Viertel gehen werde.

Hinter den Glasfassaden sitzen nicht einfach nur „die da in Brüssel“. Dort arbeiten Menschen innerhalb eines Systems, das gleichzeitig bürokratisch, fehlerhaft, notwendig und gefährdet ist.

Was mich beim Lesen gestört hat

Obwohl mich der Roman am Ende überzeugt hat, gab es zwei gestalterische Entscheidungen, an die ich mich bis zum Schluss nicht gewöhnen konnte.

Wörtliche Rede ohne Anführungszeichen

Menasse kennzeichnet wörtliche Rede nicht mit Anführungszeichen.

Meistens konnte ich den Gesprächen trotzdem folgen. Irritierend wurde es vor allem dann, wenn zwei Personen direkt nacheinander sprachen. Mehrmals musste ich einen Satz erneut lesen, um zu erkennen, ob noch dieselbe Figur sprach oder der Dialog bereits gewechselt hatte.

Gerade bei einem Roman mit so vielen Figuren und Perspektivwechseln hätte mir eine deutlichere Kennzeichnung geholfen.

Fremdsprachige Zitate ohne Übersetzung

Dass in einem Roman über die Europäische Union verschiedene Sprachen vorkommen, passt zum Schauplatz. Die Figuren kommen aus unterschiedlichen Ländern, arbeiten in einem internationalen Umfeld und wechseln teilweise selbstverständlich zwischen mehreren Sprachen.

Problematisch wird diese Vielsprachigkeit für mich, wenn fremdsprachige Zitate oder Passagen nicht übersetzt werden.

Ich verstehe Deutsch und Englisch. Bei anderen Sprachen musste ich deshalb entweder selbst recherchieren oder akzeptieren, dass mir ein Teil des Inhalts entgeht – und in Letzterem bin ich wirklich nicht gut.

Die unübersetzten Passagen mögen das Gefühl eines mehrsprachigen Europas verstärken. Gleichzeitig schließen sie Leser:innen, die die jeweilige Sprache nicht verstehen, für einen Moment aus dem Text aus.

Für wen eignet sich „Die Hauptstadt“?

„Die Hauptstadt“ eignet sich besonders für Leser:innen, die politische Romane, große Figurenensembles und gesellschaftliche Gedankenspiele mögen. Man sollte bereit sein, dem Buch im ersten Drittel etwas Geduld entgegenzubringen und sich auf zahlreiche Figuren, Perspektiven und institutionelle Zusammenhänge einzulassen.

Wer einen leicht zugänglichen Brüssel-Roman mit vielen konkreten Schauplätzen sucht, wird vermutlich nicht fündig. Auch als klassische Urlaubslektüre, die man nebenbei liest, würde ich den Roman nur eingeschränkt empfehlen.

Wer jedoch bereit ist, sich auf die Figuren und die europapolitischen Fragen einzulassen, wird mit einer Geschichte belohnt, die im Verlauf immer stärker zusammenfindet und besonders im letzten Drittel eine enorme Sogwirkung entwickelt.

Mein Fazit zu „Die Hauptstadt“

„Die Hauptstadt“ war ebenfalls nicht der Brüssel-Roman, den ich erwartet hatte.

Das Buch hat mir kaum konkrete Orte gezeigt, die ich während meiner Reise unbedingt besuchen möchte. Dafür hat es mir etwas anderes nähergebracht: die Menschen innerhalb der europäischen Institutionen und vor allem die Idee der Europäischen Union selbst.

Menasse zeigt Europa nicht als fertiges Erfolgsmodell. Er zeigt es als widersprüchliches und gefährdetes Projekt, das zwischen großen politischen Idealen, nationalen Interessen, persönlicher Eitelkeit und institutioneller Schwerfälligkeit bestehen muss.

Der Einstieg war für mich anspruchsvoll. Das Figurenwirrwarr, der politische Wortschatz und die vielen Perspektivwechsel verlangten Geduld. Doch je besser ich die Figuren kennenlernte, desto stärker zog mich der Roman hinein. Im zweiten Drittel nahm die Geschichte deutlich an Fahrt auf, und durch das letzte bin ich beinahe geflogen.

Besonders Alois Erharts Gedankenspiele haben mich beschäftigt. Nicht, weil ich jede seiner Ideen teile, sondern weil er Fragen stellt, denen man nicht einfach ausweichen kann.

Vielleicht hat Menasse tatsächlich selbst einen kleinen Alois Erhart in sich: einen Denker, der die Wirklichkeit nicht unverändert stehen lässt, sondern sie verschiebt, zuspitzt und neu zusammensetzt, um ihre wunden Punkte sichtbar zu machen.

Als ortsbezogener Reise-Read für Brüssel eignet sich „Die Hauptstadt“ für mich nur bedingt. Als kluger, zynischer und letztlich überraschend mitreißender Roman über Europa hat mich das Buch dagegen wirklich überzeugt.

Disclaimer

Transparenz: „Die Hauptstadt“ habe ich selbst gekauft, es ist kein Rezensionsexemplar. Das Cover stellt der Suhrkamp Verlag freundlicherweise über die Webseite zur Verfügung.

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