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Canarisches Tagebuch 1904-1906 – die etwas andere Buchrezension

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9–14 Minuten

Werbung | Rezensionsexemplar

Transparenzhinweis: Dieses Buch wurde mir von Frau Zech kostenlos als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Meine Meinung wird dadurch nicht beeinflusst. Wie bei allen Reise-Reads bewerte ich ehrlich, was mir gefallen hat, was mir weniger gefallen hat und für wen ich das Buch empfehlen würde.


Manche Bücher liest man nicht nur. Man nimmt sie mit an einen Ort, legt sie innerlich über Straßen, Gebäude und Landschaften und merkt plötzlich, dass ein Text mehr kann, als eine vergangene Zeit erzählen.

Besonders erwähnen möchte ich Klaus Matzdorff, den Enkel von Luise Schmidt. Ihm ist es zu verdanken, dass das Tagebuch zusammen mit Fotos, Briefen und historischen Dokumenten aufgearbeitet und veröffentlicht wurde. Ohne diese Arbeit wäre Luises Blick auf Teneriffa vermutlich eine private Familienerinnerung geblieben.

Worum geht es im Canarischen Tagebuch?

Luise Schmidt kommt 1904 nach Teneriffa. Sie ist gerade einmal zwanzig Jahre alt, als sie den Dampfer „Lucie Woermann“ Richtung Kanarische Inseln besteigt. Sie reist nicht als Touristin, sondern zum Arbeiten: Als Hauslehrerin bzw. Erzieherin soll sie den Kindern der britischen Familie Trenkel Deutsch beibringen.

Schon diese Ausgangslage macht das Tagebuch spannend. Luise ist keine Urlauberin, die frei entscheidet, wohin sie geht und was sie sehen möchte. Sie ist eine junge Frau in einem Arbeitsverhältnis, abhängig von einer Familie, eingebunden in ein fremdes Umfeld und in eine Inselwelt, die sie zugleich fasziniert und verunsichert.

Ihr Tagebuch erzählt von Teneriffas Landschaft, vom Klima, von Blumen, Ausflügen, Begegnungen, deutschen Ankerpunkten, Heimweh und kultureller Irritation. Es ist kein dramatischer Roman, sondern ein historisches Tagebuch. Gerade deshalb entsteht beim Lesen ein besonderer Reiz: Man bekommt keine perfekt komponierte Geschichte, sondern Einblicke in einen echten Blick auf eine Insel, die Luise fremd war und die sie sich Stück für Stück zu erschließen versucht.

Was mir gefallen hat

Beeindruckt hat mich zuerst, wie eigenständig Luise überhaupt nach Teneriffa kam. Sie bewarb sich auf die Stelle, ohne es ihren Eltern vorher zu erzählen. Für eine junge Frau ihrer Zeit finde ich das bemerkenswert. Sie wartet nicht darauf, dass ihr jemand die Welt öffnet, sondern schafft sich selbst eine Möglichkeit, sie zu sehen. Auch wenn diese Möglichkeit an Arbeit, Abhängigkeit und Unsicherheit gebunden ist.

Gerade deshalb hätte ich gern gewusst, was Teneriffa für sie eigentlich sein sollte. Sah sie die Stelle als Abenteuer auf Zeit? Wollte sie von Anfang an wieder nach Deutschland zurück? Oder stand zumindest für einen Moment die Möglichkeit im Raum, auf der Insel zu bleiben, wenn sich dort ein Leben ergeben hätte? Am Ende kehrt sie nach Deutschland zurück, aber beim Lesen blieb für mich offen, ob das immer der Plan war.

Sehr gefallen haben mir auch die historischen Fotos im Buch. Sie sind nicht nur Illustration, sondern helfen enorm dabei, Luises Eindruck von Puerto de la Cruz bzw. dem damaligen Puerto Orotava nachzuvollziehen. Auf den Bildern wirkt die Umgebung viel offener, grüner und fast urwaldhaft. Orte, die heute dicht bebaut sind, erscheinen plötzlich wieder als Landschaft.

Auch auf der Seite des Gran Hotel Taoro, das auf dem Cover des Buches abgebildet ist, gibt es historische Fotos, die diesen Wandel sichtbar machen. Gerade im Vergleich mit Puerto de la Cruz heute wird deutlich, wie stark sich der Ort verändert hat.

In diesem Zusammenhang lohnt sich auch ein Blick auf das TEA Tenerife Espacio de las Artes und besonders auf das Tenerife Island Centre of Photography, dessen Arbeit sich unter anderem der Bewahrung des fotografischen Erbes der Insel widmet. Solche Archive machen sichtbar, was im heutigen Stadtbild nur noch zu erahnen ist.

Was mir schwerfiel

Bei einem Tagebuch finde ich klassische Kritik schwierig. Es ist kein Roman, bei dem man Plot, Spannungsbogen oder Figurenentwicklung bewertet. Luise schreibt aus ihrem Leben heraus, aus ihrer Zeit, mit ihrem Wissen und ihren Grenzen.

Trotzdem gab es Stellen, an denen ich beim Lesen hängenblieb. Manche ihrer Beobachtungen über spanische Kultur, kirchliche Praktiken oder Männer wirken aus heutiger Sicht befremdlich. Gleichzeitig musste ich mich immer wieder daran erinnern, wie anders Luises Ausgangslage war.

Heute erfahren wir oft schon früh sehr viel über andere Länder und Kulturen: durch Schule, Nachrichten, Dokumentationen, Social Media, Reiseberichte, Restaurantbewertungen oder Diskussionen im Netz. Selbst Themen wie der spanische Stierkampf sind vielen von uns bekannt, lange bevor wir Spanien überhaupt betreten. Luise hatte diesen medialen Vorlauf vermutlich nicht in dieser Form.

Ihre Verwunderung wirkt dadurch manchmal fremd oder engstirnig, aber sie erzählt auch davon, wie begrenzt Weltwissen vor der heutigen Vernetzung sein konnte. Für Luise war Teneriffa nicht nur geografisch weit entfernt, sondern auch kulturell und medial viel schwerer zugänglich.

Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir außerdem, dass sich ziemlich am Ende herausstellt, dass Luise verliebt war. Und ich gebe zu: Darüber hätte ich sehr gern mehr gelesen. Der betreffende Herr findet im Tagebuch wenig Erwähnung und genau das macht mich neugierig. Natürlich muss ein echtes Tagebuch mir als Leserin nicht jede emotionale Entwicklung ausbreiten. Aber gerade diese Leerstelle blieb bei mir hängen. Was hat Luise gefühlt? Was hat sie gehofft? Was hat sie sich vielleicht selbst nicht erlaubt aufzuschreiben?

Für wen eignet sich das Buch?

Das Canarische Tagebuch eignet sich für Leserinnen und Leser, die Teneriffa nicht nur als Urlaubsziel betrachten möchten. Wer sich für historische Reiseerfahrungen, Frauenbiografien, Alltagsgeschichte, deutsche Spuren auf den Kanaren und alte Perspektiven auf Puerto de la Cruz interessiert, wird hier viel finden.

Wer eine klassische Handlung mit Spannung, Höhepunkten und Auflösung erwartet, wird vielleicht weniger abgeholt. Wer aber gern leise historische Texte liest und bereit ist, zwischen den Zeilen zu schauen, bekommt ein Buch, das lange nachwirkt.

Das Gran Hotel Taoro heute

Das Gran Hotel Taoro wurde 1890 eröffnet und gilt als eines der großen historischen Hotels der Insel. Heute ist es nach langer Schließzeit und umfassender Sanierung wieder als luxuriöses 5-Sterne-Hotel geöffnet.

Das Spannende ist: Das Taoro steht nicht einfach nur noch als Denkmal oberhalb von Puerto de la Cruz. Es ist wieder Teil des aktiven Tourismus. Auf der offiziellen Tourismusseite von Turismo de Tenerife wird es als exklusives urbanes Luxusresort im Norden Teneriffas beschrieben. Auch die Stadt selbst führt es bei Visit Puerto de la Cruz unter den Luxus- und 5-Sterne-Hotels.

Nach aktuellen Berichten gehört das Gebäude dem Cabildo de Tenerife, also der Inselverwaltung. Die Nutzung wurde an Tropical Turística Canaria vergeben; betrieben wird das Hotel unter der Marke My Way Hotels & Resorts bzw. My Way Meaningful Hotels. Über die Vergabe und den Betrieb berichteten unter anderem Hosteltur und der Ayuntamiento de Puerto de la Cruz. Auch The Times schrieb über die Wiedereröffnung nach jahrzehntelanger Schließung.

Die charakteristischen Balkone und die Zinnen auf den vier Türmen sind heute immer noch Wiedererkennungsmerkmal des Taoro.

Als ich mich auf die Suche danach machte, musste ich wirklich wissen, wo es ist, obwohl es nur etwa 10 Gehminuten von meinem Hotel lag. Die Straße führt an einem Parkplatz vorbei, die Umgebung ist dicht bewachsen und bebaut. Von unten kann man das Hotel durch Palmen, Pflanzen und moderne Stadtstruktur kaum noch sehen — besonders, wenn man die charakteristischen Türme nicht kennt.

Auf historischen Fotos wirkt das anders. Dort steht das Taoro fast wie ein europäischer Anker über Puerto de la Cruz. Heute ist es nicht verschwunden, aber seine Wirkung hat sich verändert. Es dominiert den Ort nicht mehr so, wie es das früher tat. Die Stadt ist um es herum gewachsen.

Gerade dieser heutige Luxusrahmen macht den Ort für mich noch spannender. Das Taoro ist nicht nur Erinnerung, nicht nur Architektur, nicht nur Kulisse. Es ist wieder Hotel: saniert, exklusiv, buchbar, Teil eines heutigen Tourismusmodells.

Mein Blick von heute

Ich selbst habe während meiner Reise im Hotel Puerto Palace gewohnt, das ebenfalls oberhalb von Puerto de la Cruz liegt — sogar noch weiter oben als das Taoro. Auch dadurch wurde mir bewusst, wie sehr sich die Perspektiven verändert haben. Was früher als herausgehobener Punkt über dem Ort wirkte, ist heute Teil einer viel dichter bebauten Hotellandschaft.

Ich hätte gern ein Foto aus einer ähnlichen Perspektive gemacht wie auf dem Buchcover des Canarischen Tagebuchs. Aber genau das war eigentlich nicht mehr möglich: Aus vergleichbarem Abstand und Blickwinkel ist das Taoro heute nicht mehr zu erkennen. Man muss wissen, wo es steht.

Und dann fiel mir noch etwas auf: Nur wenige Meter von meiner Unterkunft entfernt befindet sich mit dem Colegio Alemán · Deutsche Schule CADS eine deutsch-spanische Schule. Luise kam 1904 nach Teneriffa, um Kindern Deutsch beizubringen. Heute ist Deutsch in Puerto de la Cruz längst nicht mehr nur die Sprache einer einzelnen Hauslehrerin in einem privaten Haushalt. Es gibt Schulen, Auswanderer, deutschsprachige Gäste und Menschen in Hotels und Gastronomie, die Deutsch sprechen.

Teneriffa erleben, Deutschland vermissen

Was mich beim Lesen immer wieder beschäftigt hat: Luise sucht auf Teneriffa nicht nur das Fremde. Sie sucht auch das Vertraute.

Sie staunt über die Insel, über Blumen, Klima und Landschaft. Gleichzeitig kehrt ihr Blick auffallend oft zu allem zurück, was deutsch ist oder sich deutsch anfühlt: andere Deutsche, Schiffe wie die Lucie Woermann, Soldaten auf der Durchfahrt, Weihnachten, Sprache, vertraute Rituale. Es wirkt ein wenig wie: das eine tun, ohne das andere ganz zu lassen. Teneriffa, Abenteuer, Blumen überall — aber Weihnachten soll sich trotzdem nach Zuhause anfühlen.

Das ist menschlich. Man möchte die Fremde erleben, aber nicht unbedingt den völligen Verlust des Eigenen. Man möchte etwas Neues sehen, aber sich nicht ganz orientierungslos fühlen.

Vielleicht hat mich genau das so getroffen, weil es nicht nur eine historische Beobachtung ist. Auch heute reisen wir oft mit vertrauten Sicherheiten im Gepäck: Google Maps, Bewertungen, Übersetzungsapps, Flughafentransfers, deutsche Speisekarten, vertraute Hotelstandards, andere Reisende aus dem eigenen Land. Die Formen haben sich verändert, aber das Bedürfnis ist ähnlich geblieben: Wir möchten fremde Orte erleben, ohne völlig die Kontrolle zu verlieren.

Fremdheit damals und heute

Gleichzeitig leben wir heute in einer viel vernetzteren Welt als Luise. Viele Länder und Kulturen wirken uns schon vertrauter, bevor wir überhaupt dort waren. Wir können uns vorab über Bräuche, Geschichte, Religion, Verkehr, Kleidung, Preise und mögliche Fettnäpfchen informieren. Luise hatte diese Möglichkeiten nicht.

Und trotzdem ist Information nicht dasselbe wie Vertrautheit.

Das habe ich selbst gemerkt, als ich nach Marokko gereist bin (Reisebericht dazu hier). Vor der Reise hatte ich eine bestimmte Vorstellung davon, wie es dort sein würde. Ein Teil davon kam sicher aus Medienbildern, ein Teil aus Unsicherheit, ein Teil schlicht aus fehlender eigener Erfahrung. Am Ende war ich überrascht. Vieles war anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Gleichzeitig war es für mich ungewohnt, und ich war auch froh, als ich wieder zurück war. Danach waren mir kulturelle Unterschiede viel bewusster.

Vielleicht lese ich Luise deshalb nicht mit Abstand, sondern mit Wiedererkennen. Auch ich reise nicht ohne Vorannahmen. Auch ich suche Orientierung. Auch ich merke manchmal erst vor Ort, welche Bilder ich im Kopf mitgebracht habe.

Fremdheit entsteht nicht nur dort, wo wir ankommen. Sie entsteht auch in dem Gepäck, das wir im Kopf mitbringen.

Wäre Luise heute eine von vielen?

Wäre Luise heute nach Teneriffa gekommen, wäre sie vermutlich nicht mehr dieselbe Ausnahmefigur gewesen. Eine junge deutsche Frau auf der Insel, zwischen Arbeit, Heimweh und Neugier, wäre heute eine von vielen. Es gibt eine deutsche Schule, viele Menschen in Hotels und Gastronomie sprechen Deutsch, dazu kommen Auswanderer, Langzeiturlauber und Menschen, die zwischen Deutschland und Teneriffa pendeln.

Was Luise damals mühsam suchte — deutsche Stimmen, vertraute Rituale, ein Stück Zuhause — wäre heute längst Teil des Alltags von Puerto de la Cruz.

Vielleicht wäre Luise heute sogar mit Anita befreundet, der deutschen Auswanderin aus Numi Teuschs Roman „Die dunkle Seite der Insel“, meiner ersten Teneriffa-Rezension. Natürlich trennen die beiden Zeit, Textform und Wirklichkeit: Luise schreibt Tagebuch, Anita ist Romanfigur. Aber als literarische Nachbarinnen erzählen sie von einer ähnlichen Spannung. Beide stehen auf ihre Weise zwischen Deutschland und Teneriffa. Beide suchen auf der Insel nicht nur Landschaft, sondern einen Ort für sich selbst.

Vielleicht interessiert mich genau diese Linie so sehr: Luise Schmidt als Hauslehrerin, Anita als literarische Auswanderin, ich selbst als heutige Reisende mit Blog, Kamera und vielen Fragen. Drei deutsche Blicke auf Teneriffa, die nicht gleich sind, sich aber gegenseitig befragen.

Wer kommt auf diese Insel? Was sucht man dort? Und ab wann ist ein Ort nicht mehr nur fremd, sondern Teil der eigenen Geschichte?

Fazit

Für mich ist das Canarische Tagebuch kein klassischer Reiseführer in die Vergangenheit. Es ist ein leiser Schlüssel zu Fragen, die heute noch erstaunlich gegenwärtig sind: Wie fremd darf ein Ort sein, bevor wir anfangen, ihn uns vertraut zu machen? Wie viel Zuhause nehmen wir mit, wenn wir reisen? Und wie lesen wir historische Texte, ohne sie vorschnell zu verurteilen, aber auch ohne ihre blinden Flecken zu übersehen?

Luise Schmidt hat Teneriffa nicht als Touristin beschrieben, sondern als junge Frau, die dort arbeiten, sich zurechtfinden und zugleich mit sich selbst klarkommen musste. Gerade das macht ihr Tagebuch für mich wertvoll. Es zeigt nicht nur eine Insel im Wandel, sondern auch eine innere Bewegung: zwischen Aufbruch und Heimweh, Neugier und Befangenheit, Abenteuer und dem Wunsch nach Vertrautem.

Und vielleicht ist genau das der Grund, warum mich dieses Buch so beschäftigt hat. Es erzählt von einem vergangenen Teneriffa, aber es stellt Fragen, die ich mir beim Reisen heute immer noch stelle.

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