Entspannte Reisen für volle Köpfe

Kollage zum Blogartikel "Heilige Lucia & der Blick“; angefertigt aus der Datei https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Heilige_Lucia_S._Lucia_(titel_op_object),_RP-P-H-H-104.jpg

Heilige Lucia & der Blick

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3–5 Minuten

Was ein Museumsobjekt über Macht erzählt

Disclaimer/TW: Dieser Beitrag spricht über religiöse Gewalt und sexualisierte Gewalt im Kontext einer Legende. Ich beschreibe Details nicht ausführlich, erkläre aber den Hintergrund.

Museen regen zum Nachdenken an

Am 08.02.2026 habe ich das Bode-Museum besucht und mich hauptsächlich auf die Ausstellung “Der zweite Blick – Spielarten der Liebe”, genauer “Rundgang 5 – Grenzüberschreitungen” konzentriert. Mich hat besonders dieser Rundgang interessiert, da hier der Fokus nicht auf männlich oder weiblich liegt, sondern wirklich die Grenzen dieser binären Sichtweise besprochen werden.

Als Vorbereitung und Einstimmung auf meinen Besuch, habe ich mir den online verfügbaren Ausstellungskatalog durchgelesen und bin dabei über die Legende der Heiligen Lucia gestolpert, die mich stutzig werden ließ.

Meine Begegnung mit der heiligen Lucia

Lucia wird in der Überlieferung als junge Christin aus Syrakus auf Sizilien beschrieben, die ihre Jungfräulichkeit Gott weiht (yuck!) und ihre Mittel zunehmend den Armen zukommen lässt. 

In der mittelalterlichen Legendenfassung der Legenda aurea (13. Jahrhundert) führt genau das zum Konflikt: Ein Richter namens Paschasius lässt Lucia vorführen und fordert sie auf, den römischen Göttern zu opfern. Als sie sich weigert, droht er ihr mit einer öffentlichen „Beschämung“ in einem Bordell – Lucia antwortet dort sinngemäß, dass der Körper nur dann „beschmutzt“ werde, wenn der Wille zustimme (aka. du kannst mich nicht zum Sündigen bringen, wenn ich es nicht freiwillig tu). 

Anschließend erzählt die Legende ein Wunder: Als man sie wegschaffen will, wird sie so schwer und unbeweglich, dass selbst mehrere Männer – später sogar ein Ochsengespann – sie nicht von der Stelle bringen können. Danach folgt (je nach Überlieferungsstrang unterschiedlich ausgeschmückt) eine Serie von Folterversuchen, darunter Feuer und siedendes Öl, die ihr nicht den erwarteten Schaden zufügen. Am Ende wird Lucia z.B. durch einen Stich in den Hals (alternativ Enthauptung, etc.) getötet.

Dass Lucia in der Kunst oft mit Augen auf einer Schale dargestellt wird, gehört zu den bekanntesten Bildmotiven ihrer Ikonographie – aber die Begründung dafür ist in den Quellen nicht einheitlich. Eine verbreitete Legendenvariante erklärt das Motiv so, dass Lucias Augen im Martyrium ausgestochen und anschließend wundersam wiederhergestellt worden seien; deshalb gilt sie als Schutzfigur für das Augenlicht und wird entsprechend dargestellt.

Spannend ist, dass der Ausstellungskatalog des Bode-Museum ausdrücklich auf eine spätere Erweiterung der Lucia-Legende verweist: Im 15. Jahrhundert sei eine Episode hinzugefügt worden, nach der Lucia sich – wegen ständiger männlicher Umwerbung aufgrund ihrer „wunderschönen Augen“ – die Augen selbst ausreißt, um Begehrlichkeiten zu entziehen. Der Katalog verknüpft dieses Motiv außerdem mit der Deutung, Lucias Augen stünden dadurch für eine Lossagung vom „weiblichen Geschlecht“.

Verschiebung der Verantwortlichkeiten

Ich bin evangelisch getauft und konfirmiert, aber sehr weit weg davon, mich selbst Christin zu nennen. Trotzdem ist mir sofort durch den Kopf geschossen, dass mir das mit den Augen bekannt vorkommt.

Im Matthäusevangelium 5,28-29 steht – und ich zitiere:

“28Ich aber sage euch: Wer eine Frau ansieht, ihrer zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen. 29Wenn dir aber dein rechtes Auge Ärgernis schafft, so reiß es aus und wirf’s von dir. Es ist dir besser, daß eins deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde.”

Im Ausstellungskatalog steht treffend: “Im Laufe der Jahrhunderte interpretierten Gelehrte diese Worte entsprechend den Regeln ihrer jeweiligen patriarchalen Gesellschaften.” (S. 32) Die Legende um Lucia ist meiner Meinung ein perfektes Beispiel, dass durch Zudichtung einer Passage genau das eintritt. Statt der begehrenden Person ist plötzlich die begehrte Person in der Verantwortung, die Moral aufrechtzuerhalten, obwohl in der Bibel wortwörtlich das Gegenteil steht.

Warum ist das noch heute relevant?

Die Fragen, die diese Legenden und Deutungen aufwerfen, sind nicht im Mittelalter geblieben: Wer trägt Verantwortung für Begehren, Grenzüberschreitungen und Moral – die Person, die schaut, oder die Person, die angeschaut wird? Genau diese Verschiebung wird hier sichtbar. Ein Satz, der in der Bibel die Konsequenz beim eigenen Blick verortet, wird über Jahrhunderte in patriarchalen Kontexten anders gelesen.

Vielleicht ist der „zweite Blick“ nicht nur auf Lucia, sondern darauf, wie Geschichten entstehen, wofür sie benutzt werden – und welche Erwartungen sie bis heute an Körper, Verhalten und Anstand richten.

Lucia heute

Der Gedenktag der heiligen Lucia ist in vielen Regionen positiv besetzt: In Skandinavien wird der Tag bis heute als Lichtfest gefeiert. Das hängt auch damit zusammen, dass das Datum im julianischen Kalender einst auf die Zeit der Wintersonnenwende fiel; nach der Kalenderreform blieb der Gedenktag auf diesem Datum, und „Lucia“ wurde umso stärker mit dem Motiv des Lichts verknüpft.

Übrigens ist ihr Gedenktag der 13.12. …

Quellen

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