Wenn man Pressemitteilungen und Fachtexte rund um die ITB liest, begegnen einem viele große Begriffe: nachhaltig, smart, digital, krisenfest, personalisiert. Viele davon sind wichtig – aber für uns Reisende klingen sie oft eher nach Marketing als nach echter Orientierung.
In diesem Artikel versuche ich, einige dieser Themen aus Reisenden-Perspektive einzuordnen. Statt jedes einzelne Schlagwort auseinanderzunehmen, schaue ich auf vier Bereiche: Nachhaltigkeit, Technik & KI, Trends & Daten sowie Krisen & Unsicherheit. Und ich erzähle, was das für unsere Reisen bedeuten kann – jenseits der großen Messebühnen.
1. Nachhaltigkeit: Zwischen echtem Engagement und Greenwashing
Gefühlt ist heute fast alles „green“, „eco“ oder „klimaneutral“ – vom Hotel bis zur Fluglinie. Das Problem: Es gibt kein einheitliches, einfaches „Nachhaltigkeits-Label“, das sagt: Wenn deine Heizkosten nur so und so hoch sind und du diese und jene Kriterien erfüllst, bist du nachhaltig. Viele Begriffe bleiben eine Grauzone und hängen stark von Formulierungen ab.
Ein Beispiel ist der Unterschied zwischen CO₂-Kompensation und dem, was gerne als „klimaneutral“ verkauft wird. Kompensation bedeutet meistens, dass Emissionen an anderer Stelle ausgeglichen werden sollen, etwa durch Aufforstungsprojekte. Klimaneutral klingt hingegen so, als gäbe es gar keine Emissionen mehr – oft steckt aber weiterhin ein Ausgleichsmodell dahinter und viel sprachliche Kosmetik.
Ich verlasse mich nicht auf ein einzelnes Wort in der Hotelbeschreibung. Stattdessen schaue ich, ob es konkrete Informationen gibt – etwa dazu, wie Energie gespart wird, wie mit Wasser oder Müll umgegangen wird und ob es eine Zusammenarbeit mit lokalen Partnern gibt. Wenn möglich, frage ich nach: „Was macht ihr konkret im Bereich Nachhaltigkeit?“ oder „Arbeitet ihr mit Menschen vor Ort zusammen?“. Und ich werde skeptisch, wenn nur „eco“ oder „green“ im Header steht, aber dahinter keine Beispiele folgen.
Nachhaltigkeit ist wichtig – aber kein Buzzword nimmt uns die Verantwortung ab, noch einmal genauer hinzuschauen.
2. Technik & KI: Smart reisen – ohne in der Filterblase zu landen
Begriffe wie „KI-gestützt“, „Smart Digital“ oder „Travel Tech“ tauchen inzwischen überall auf. Dahinter stecken öfters auch Buchungsportale, die unsere Vorlieben „lernen“, dynamische Preise, die sich je nach Nachfrage ändern, automatisierte Empfehlungen, die wie persönliche Tipps wirken, und Chatbots, die uns Hotels oder Routen vorschlagen.
Je mehr KI eingesetzt wird, desto mehr Daten fallen über uns an: Suchanfragen, Reiseziele, bevorzugte Preisspannen, Klicks, Buchungen. Das kann praktisch sein – zum Beispiel, wenn ich passende Verbindungen schneller finde oder nicht jedes Mal alle Daten neu eingeben muss. Gleichzeitig wächst damit die Gefahr einer Filterblase: Ich bekomme vor allem das angezeigt, was ich sowieso schon einmal gesucht habe. Überraschende, ungewöhnliche oder weniger bekannte Optionen rutschen nach hinten. Und Werbung ist manchmal kaum von unbegründetem Vorschlag zu unterscheiden.
Ich verteufle KI nicht, im Gegenteil. Sie kann vieles vereinfachen und uns (wenn richtig eingesetzt) auf total kreative Ideen bringen, auf die wir sonst nicht gekommen wären. Aber ich versuche, bewusst damit umzugehen. Manchmal suche ich über andere Browser oder Portale, ändere Filter oder gebe ganz gezielt etwas Ungewohntes ein, nur um zu sehen, was passiert. Und ich frage mich: Will ich das wirklich – oder will der Algorithmus, dass ich das will? Ein bisschen Abstand hilft, die eigenen Wünsche und Grenzen klarer zu sehen, statt nur dem zu folgen, was mir als „perfektes Angebot“ präsentiert wird.
3. Trends & Daten: Wenn alle in dieselbe Richtung schauen
Rund um die ITB ist häufig von Reisemonitoren, Trend-Forecasts, Buchungsverhalten und Preisdruck die Rede. Studien sollen zeigen, wohin Menschen reisen wollen, wie oft, wie lange und in welchem Budgetrahmen. Für Unternehmen ist das wichtig, um Werbung zu planen und Angebote zu kalkulieren.
Für uns als Reisende heißt das aber nicht automatisch, dass „Trendziel X“ die beste Wahl für uns persönlich ist. Wenn ein bestimmter Ort überall auftaucht, ist er oft nicht nur beliebt, sondern auch stark beworben – und manchmal entsprechend voll und teuer. Gleichzeitig können andere Orte leiser werden und dadurch entspannter, günstiger oder authentischer bleiben.
Ich nutze Trendberichte eher als Kontrastfolie. Wenn ständig über eine bestimmte Region gesprochen wird, schaue ich mir auch die Nachbarregionen an: Was passiert dort? Gibt es eine kleinere Stadt, die ähnliche Stimmung bietet, aber weniger im Fokus steht? Wenn überall von „Frühbucher-Schnäppchen“ die Rede ist, lohnt sich manchmal ein Blick auf andere Zeiträume oder alternative Verbindungen. Für mich ist die wichtigste Frage: Passt dieser Trend zu meinem Energielevel, meinem Budget und meinen Bedürfnissen – oder nur in die Präsentation eines Reiseveranstalters?
4. Krisen & Unsicherheit: Wenn Nachrichten Teil der Reiseplanung werden
Begriffe wie Unsicherheit, Geopolitik, Ukraine-Krieg oder „politische Lage“ sind inzwischen Teil jeder größeren Reise-Diskussion. Auf Branchenebene geht es dann darum, wie sich die Nachfrage verschiebt, welche Regionen als „sicher“ gelten und wie Anbieter reagieren.
Als Reisende betrifft mich das sehr konkret. Ein Beispiel aus meiner eigenen Planung: Nach dem Aufenthalt auf Teneriffa fliege ich weiter nach Marokko. Maximal drei Nächte, der Flug ist gebucht. Gleichzeitig weiß ich, dass die Lage dort immer wieder unruhig ist – auch wenn man in Deutschland weniger darüber hört als über andere Regionen.
Für mich bedeutet das: Ich beobachte die Situation bewusst vor der Reise, nutze verschiedene Informationsquellen und nehme in Kauf, im Zweifel umzudisponieren oder Geld in den Sand zu setzen. Es kann sein, dass ich den Flug doch nicht antrete, dass ich bestimmte Stadtteile meide oder dass ich mehr Zeit im Hotel verbringe, als ursprünglich geplant. Der Punkt ist: Sicherheit geht vor dem Gedanken „Die Reise ist doch schon gebucht“.
Krisen-Buzzwords erinnern mich daran, dass Reisen nicht losgelöst von Weltpolitik stattfindet. Ein Plan B, flexible Stornobedingungen und ein realistischer Blick auf das eigene Sicherheitsgefühl sind kein Zeichen von „übervorsichtig“, sondern von Verantwortung.
5. Was ich mir von der Reisebranche wünschen würde
Wenn ich auf diese vier Themenblöcke schaue – Nachhaltigkeit, Technik, Trends und Krisen –, merke ich: Es gibt viele sinnvolle Ansätze, aber die Sprache ist oft so glatt, dass sie uns als Reisenden wenig hilft.
Ich würde mir wünschen, dass Hotels, Airlines und Plattformen weniger in Schlagworten und mehr in verständlichen Beispielen sprechen. Statt „eco“ fände ich es hilfreicher zu lesen, wie viel Energie eingespart wurde, ob mit erneuerbaren Quellen gearbeitet wird oder welche Projekte vor Ort unterstützt werden, vielleicht ein kleiner Nachhaltigkeitsbericht auf der Webseite.
Bei Technik fände ich Offenheit darüber gut, welche Daten wofür genutzt werden und die Option auch Angebote zu erhalten, wenn man nicht in alles einwilligt. Alternativ auch gerne die Option ein “Überrasche mich”-Angebot zu erhalten.
Für Sicherheit würde ich mir mehr klare, verständliche Hinweise wünschen, was eine „angespannte Lage“ ganz praktisch bedeutet: Welche Viertel werden gemieden, gibt es Ausgangssperren, wie wird Tourist:innen geraten, sich zu verhalten? Klar, das Auswärtige Amt informiert, aber bei bei konkreten Fällen würde ich mir eine unabhängige Stelle wünschen, die mir auf Wunsch sagt “Sorry, du solltest auf gar keinen Fall dahin fliegen” oder “Klar, du kannst hinfliegen, aber wenn du XY sehen möchtest, empfehle ich dir, dich bei diesem oder jenem Veranstalter zu melden, weil du dort von Menschen betreut wirst, die sich im Land auskennen!”
Mehr Klartext, weniger Buzzword – das würde es uns allen leichter machen, eigene Entscheidungen zu treffen.
6. Wie du Buzzwords für dich nutzen kannst
Die gute Nachricht: Man muss keine ITB-Expertin sein, um gute Reiseentscheidungen zu treffen. Es reicht oft, ein paar einfache Fragen mitzunehmen.
Beim Thema Nachhaltigkeit frage ich mich: Was wird konkret gemacht – und was ist nur Überschrift? Wenn von Technik und KI die Rede ist, überlege ich: Hilft mir das wirklich oder macht es nur das Verkaufen leichter? Bei Trendthemen schaue ich, ob der Hype wirklich zu meinen Bedürfnissen passt – oder ob ich mit einem Schritt zur Seite eine ruhigere, günstigere oder authentischere Alternative finde. Und bei Krisen ist für mich entscheidend, ob sich eine Reise verantwortungsvoll anfühlt, mir selbst und anderen gegenüber.
Wenn du willst, kannst du beim nächsten Artikel über die ITB im Kopf dein eigenes kleines Buzzword-Bingo spielen und schauen, welche Schlagworte du entdeckst. Wichtig ist für mich vor allem eins: Dass Reisen nicht noch mehr Stress produziert, sondern meinem Kopf guttut – auch dann, wenn im Hintergrund große Worte durch die Pressemitteilungen wandern.


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