Ein Roman von Horst Uden, Verlag Editorial Zech
Ich habe „Der König von Taoro“ gelesen, weil ich Teneriffa nicht nur als Kulisse erleben möchte. Insgesamt hat Horst Uden, soweit ich es beurteilen kann, einen sinnvollen, gut gebauten Erzählbogen gespannt, der mich lange getragen hat und immer wieder Bilder im Kopf erzeugt hat, die sich sehr „insel-echt“ anfühlen.
Zusammenfassung
Der Roman führt in eine Zeit, in der die Insel nicht das ist, was sie heute ist und erzählt von Macht, Bündnissen, Misstrauen und Widerstand. Horst Uden beschreibt, was sich zugetragen hat, als die Spanier auf Teneriffa landeten. Dabei bewegt sich die Geschichte nicht nur im Politischen oder Militärischen, sondern auch in dem, was für mich beim Lesen besonders hängen bleibt: in Orten, Symbolen und Landschaften, die mehr sind als Hintergrund.
Worum es für mich beim Lesen ging
Die Welt und die Gesellschaft entstand nicht im luftleeren Raum. Ich versuche, den Ort, an den ich reise, zu verstehen. Die Guanchen haben mich sofort fasziniert, weil mein Wissensdurst ein „Es gibt keine Informationen“ nicht gelten lässt. Ich versuche, ein Gast an einem anderen Ort zu sein. Das gelingt aber nur, wenn ich nicht blind und ignorant durch die Welt wandle.
Das hat mir besonders gefallen
Was mich an Der König von Taoro am meisten getragen hat, ist der große, sauber erzählte Bogen. Das Buch wirkt auf mich in sich stimmig aufgebaut: Die Ereignisse eskalieren nicht „einfach so“, sondern werden Schritt für Schritt vorbereitet – durch Entscheidungen, Allianzen, Missverständnisse und dieses ständige Ringen darum, was richtig ist und was überhaupt noch möglich ist.
Besonders beeindruckt hat mich außerdem die Legende, wie die Guanchen nach Teneriffa gekommen sind. Diese Passagen haben für mich etwas sehr Wertvolles: Sie geben dem Volk und der Insel eine „Zeit davor“. Nicht nur Konflikt, nicht nur Krise – sondern Herkunft, Vorstellungskraft, eine Welt, die schon existierte und aus der sich ihre Werte entwickelt haben, bevor sie mit Gewalt konfrontiert wurde. Das hat mir beim Lesen das Gefühl gegeben, dass hier nicht nur ein historischer Umbruch erzählt wird, sondern ein ganzer Kulturraum ernst genommen wird.
Auch stark fand ich, dass der Roman den Konflikt nicht platt erzählt. Natürlich liegt mein Mitgefühl oft bei den Guanchen – und trotzdem schafft der Text es, dass man zeitweise auch den spanischen Blick versteht: wie ein Sieg sich anfühlt, wie Selbstbilder entstehen, wie Mission und Macht ineinander greifen. Dieses Erzählen macht die Taten nicht angenehmer, aber es macht die Mechanik dahinter begreifbarer. Gerade dadurch blitzen immer wieder Momente auf, in denen man merkt: Die offiziell vorgeschobenen Gründe („Glaube“, „Mission“) stehen nicht immer im Zentrum dessen, was tatsächlich passiert.
Und dann sind da die Stellen, in denen Landschaft, Wege, Höhen, Schluchten, Bäume fast zu Figuren werden. Diese Natur- und Ortsbilder haben für mich viel Atmosphäre erzeugt, weil sie sich nicht wie Deko anfühlen, sondern wie etwas, das mit dem Geschehen verwoben ist.
Das hat mir weniger gefallen
Was meinen Lesefluss am häufigsten gebremst hat, war der hohe Anteil an Kriegstaktik, militärischen Details und Fachbegriffen. Ich verstehe, dass das für die Zeit und das Geschehen relevant ist und Lesende, die genau sowas mögen, werden daran vermutlich Freude haben. Für mich persönlich war es stellenweise zu viel. Ich musste Begriffe nachschlagen und bin dadurch immer wieder aus der Szene gefallen. An manchen Punkten hatte ich das Gefühl: Ich würde gern im emotionalen und kulturellen Kern bleiben, werde aber in technische Abläufe gezogen.
Das Buch verlangt stellenweise Konzentration und Geduld. Es ist kein „nebenbei“-Roman, sondern eher einer, den man in Abschnitten liest und manchmal hätte ich mir gewünscht, dass die Erzählung in bestimmten Momenten schneller wieder zurückfindet zu dem, was mich am meisten interessiert: Bedeutung, Entscheidungen, Kultur und das, was zwischen Menschen passiert.
Ein kitzeln im Gehirn
Beim Lesen ist mir immer wieder ein Gedanke gekommen, den ich nicht als Kritik, sondern als Frage meine: Was davon ist überliefert – und was ist literarische Füllung? Der Roman erzählt sehr konkret, mit großer Gewissheit und Detail. Ich habe mich dabei oft gefragt, wie belastbar einzelne Motive, Dialoge, Abläufe historisch sind und wie sehr die Überlieferung selbst schon gefiltert ist. Herr Uden hat im Anhang eine längere Liste von Quellen, auf die ich jedoch keinen Zugriff habe.
Für mich macht genau diese Unsicherheit einen Teil der Leseerfahrung aus: Das Buch öffnet ein Fenster aber es erinnert mich gleichzeitig daran, dass solche Geschichten oft lückenhaft sind.
Fazit: Gut geeigneter Kontext-Read
Der König von Taoro ist für mich ein starker historischer Roman, der der Insel Tiefe gibt und vielen Orten und Symbolen ein anderes Gewicht verleiht. Besonders die Herkunftserzählung der Guanchen und das ambivalente Erzählen der Konfliktparteien haben mich gepackt. Gleichzeitig haben mich die vielen taktischen und militärischen Passagen regelmäßig aus dem Flow geholt. Und als leise Begleitfrage bleibt bei mir: Wie viel davon ist historisch greifbar – und wie viel ist literarische Konstruktion? Gerade diese Frage macht das Buch für mich aber auch zu einem Reise-Read, der nicht nur „unterhält“, sondern nachklingt.
Meine Empfehlung:
Definitiv als Reisevorbereitung, denn die Orte auf Teneriffa haben für mich nun eine völlig andere Bedeutung und ich freue mich darauf, sie mit diesem Wissen zu besuchen.
Passt gut, wenn du …
- historische Romane magst, die episch erzählen und Konflikte erklären
- dich für die Geschichte Teneriffas interessierst und Orte nicht nur sehen, sondern verstehen willst
- es spannend findest, wenn ein Buch nicht nur eine Seite zeigt, sondern Ambivalenz zulässt
Disclaimer
Transparenz: „Der König von Taoro“ habe ich selbst gekauft. Die Coverabbildung verwende ich mit freundlicher Genehmigung von Verena Zech. Im Zuge dessen wurde mir außerdem ein Rezensionsexemplar von „Canarisches Tagebuch 1904–1906“ angeboten; diese Rezension bleibt davon unabhängig.


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