Entspannte Reisen für volle Köpfe

Nachtzug in meinem Kopf vs. Nightjet 2025

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4–6 Minuten

Wie sich eine Nacht zwischen Berlin und Zürich wirklich anfühlt.

KI-Bild eines Schlafwagens von 1910, mit Stockbetten, alten Koffern und einer schönen Wandlampe. Die Wände sind Holzvertäfelt

Wenn ich „Nachtzug“ höre, sehe ich zuerst kein Ticket vor mir, sondern ein Bild: dunkles Holz, schwere Vorhänge, Kofferstapel im Flur, eine kleine Lampe über einem frisch gemachten Bett. Ein bisschen Agatha Christie, ein bisschen Orient Express 1910.
So ungefähr sieht auch das KI-Bild aus, das ich mir zu meinem Nachtzug-Kopfkino habe generieren lassen.

Die Realität im Jahr 2025 sah anders aus – aber nicht weniger interessant.
Im November bin ich mit dem ÖBB Nightjet von Berlin nach Zürich gefahren.

Hier kommt mein ehrlicher Vergleich zwischen Nachtzug in meinem Kopf und Nachtzug in echt – und die Frage:

Für wen lohnt sich das?

Buchung & Preis: Früh dran sein lohnt sich

Gebucht habe ich mein Ticket schon am 10. Juni 2025 für die Fahrt am 25. November 2025.
Der große Vorteil: Ich konnte mir ein Schlafabteil mit zwei Betten ausschließlich für Frauen sichern.

  • Strecke: Berlin Hbf – Zürich HB
  • Klasse: Schlafwagen, 2-Bett-Abteil, Damen
  • Preis: 134 €, Frühstück inklusive

Im Preis enthalten war nicht nur das Bett, sondern auch ein kleines „Nachtzug-Starterpaket“:

  • Filzpantoffeln
  • Kugelschreiber
  • Nussmischung
  • Weingummis
  • kleines Handtuch
  • Tetrapak Wasser
  • Ohrstöpsel
  • Schlafmaske

Eine Dusche gab es nicht, aber ein Waschbecken im Abteil. Für mich völlig okay – es ist eine Nacht, kein Spa.

Ankunft im Abteil: Von Sitzen zum Bett

Los ging es um 20:24 Uhr am Berliner Hauptbahnhof.
Auf meinem Ticket stand:

  • Wagen- und Platznummer
  • Bett-Nummer
  • Hinweis: unteres Bett

Im Abteil erwarteten mich aber erstmal ganz normale Sitze, kein fertiges Bett. Also habe ich den Zugbegleiter gefragt.

Fotographie des Schlafabteils des ÖBB Nightjet bevor das Bett heruntergeklappt ist

Der war sehr freundlich und hat mir den kleinen Nightjet-Zauber einmal gezeigt:

  1. Tisch zusammenklappen und an die Seite stellen
  2. Sitze umklappen
  3. an einer silbernen Stange ziehen → das Bett klappt aus der Wand
  4. Bettzeug vom oberen Bett holen und unten vorbereiten

Das Abteil war nicht riesig, eher funktional als hübsch, aber: Es war klar strukturiert und für zwei Personen gut zu nutzen, wenn man sich ein bisschen organisiert.

Fotographie des Schlafabteils des ÖBB Nightjet nachdem das Bett heruntergeklappt ist

Die Mitreisende & die Nacht an Bord

Der Zugbegleiter erklärte mir, dass meine Mitfahrerin erst in Leipzig zusteigt und ich bis dahin allein im Abteil bin. Er gab mir die Karte für das Frühstück, die ich direkt ausfüllen und ihm wiedergeben konnte.

Ich habe mich dann schon mal hingelegt, aber das Licht angelassen – ich wusste, dass ich sofort senkrecht im Bett stehen würde, wenn das Licht wieder angeht.

Wie immer im Zug bin ich trotzdem immer wieder weggedämmert.
Der Geräuschpegel war überraschend niedrig, die Abteile scheinen ganz gut isoliert zu sein.

In Leipzig stieg meine Mitfahrende zu – zu dem Zeitpunkte hatten wir bereits 50 Minuten Verspätung. Wir haben kurz ihre Sachen verstaut, ein paar Sätze gewechselt und dann direkt das Licht ausgemacht. Sie war ruhig, hat nicht geschnarcht – ich hatte Glück.
Ich habe richtig gut geschlafen.

In Zürich waren wir am Ende trotzdem pünktlich um 09:04 Uhr. Für mich ein unsichtbarer Vorteil des Nachtzugs: Die Verspätungs-Dramatik passiert, während ich schlafe.

Morgenstimmung: Kaffee, Brötchen & Supernatural

Meine Mitfahrende ist vor mir ausgestiegen. Danach habe ich den Zugbegleiter gebeten, das Bett wieder zusammenzuklappen. Aus dem Sitz wurde wieder eine kleine Zug-Couch, und kurz darauf kam auch schon das bestellte Frühstück.

Ich saß in Jogginghose am kleinen Tisch, mit:

  • Kaffee
  • zwei Brötchen
  • Butter, Salami, Frischkäse

und habe bis zur Endstation Supernatural geschaut.
WLAN gab es leider nicht – für mich kein Drama, aber gut zu wissen, falls jemand unterwegs arbeiten möchte.

Nachtzug in meinem Kopf vs. Nightjet in echt

In meinem Kopf:

  • Holzvertäfelte Wände
  • Messing-Lampen
  • rote Samtvorhänge
  • Kofferstapel
  • leises Klirren aus dem Speisewagen

In echt:

  • helle Wände, viel Kunststoff, Funktion vor Romantik
  • Sitze, die zum Bett werden
  • Klapptisch statt eleganter Ablage
  • ein bisschen Gepäckchaos in der Ecke
  • eine kleine Tüte mit Ohrstöpseln, Snacks und Filzpantoffeln

Die Frage ist: Verdirbt das die Nachtzug-Romantik?

Für mich: Nein, sie sieht nur ein bisschen anders aus.

Die Romantik liegt nicht im Holz, sondern in dem Gefühl:
Ich fahre abends in Berlin los, das sanfte Ruckeln des Zuges, ab einer gewissen Uhrzeit nur noch die Welt, die an einem vorbei rauscht.
Gedämmtes Licht, ein bisschen Lesen während mein Kopf an der Fensterscheibe lehnt.
Morgens wacht man in einem anderen Land auf.

In solchen Momenten erinnere ich mich, dass ich auch in Momenten, die in meinem Kopf ganz anders ausgesehen haben, Schönheit in den kleinen Dingen finde.

Dazu kommt die ganz praktische Ebene:
Die Abfahrts- und Ankunftszeit haben dafür gesorgt, dass mir wenig Tageszeit verloren ging.
Kein zwei Stunden früher am Flughafen sein, kein halber Tag im Sitzwagen.

Für wen lohnt sich so ein Nachtzug?

Gut geeignet, wenn du…

  • früh buchen kannst (Preise & Wunschabteile sind dann deutlich besser)
  • mit dem Gedanken klarkommst, die Nacht mit einer fremden Person im Abteil zu verbringen – oder direkt zu zweit buchst
  • eher das Unterwegssein als Insta-taugliche Optik suchst
  • nachhaltiger unterwegs sein möchtest, aber trotzdem nicht komplett auf Komfort verzichten willst
  • deinen Tag maximal nutzen willst (abends los, morgens da)

Wen es eher nerven könnte:

  • Menschen, denen Enge und geteilte Räume schwer fallen
  • alle, die die Orient-Express-Optik wirklich erwarten
  • Leute, die unbedingt WLAN im Zug brauchen (zum Arbeiten z.B.)

Mein Fazit

Wenn ich frühzeitig buchen kann, würde ich den Nightjet auf jeden Fall wieder nehmen – besonders, wenn ich weiß, mit wem ich das Abteil teile.
Mit einer Freundin oder einem Freund ist es wahrscheinlich noch entspannter, aber auch mit einer ruhigen Fremden hat es für mich sehr gut funktioniert.

Es war nicht der Orient Express 1910.
Aber es war eine Nacht, in der ich meinen vollgedachten Kopf in ein Zugbett legen konnte, abends in Berlin eingeschlafen bin und morgens in Zürich stand.

Für mich ist genau das Slow Journey:
Nicht perfekt inszeniert – aber sinnvoll, ruhig, und irgendwie doch ein kleines Abenteuer.

Mini-Tipps für deinen ersten Nachtzug

  • Früh buchen – vor allem, wenn du ein Damenabteil oder 2er-Abteil willst
  • Ohrstöpsel & Schlafmaske trotzdem einpacken (auch wenn sie gestellt werden)
  • Bequeme Kleidung und etwas, das du auch vor Fremden anhaben magst
  • Snacks & Wasser mitnehmen – das Frühstück reicht, aber nicht für eine ganze Reise
  • Realistische Erwartungen: Es ist kein Hotelzimmer auf Schienen, aber ein sehr praktischer, gemütlicher Zwischenraum

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